Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Die große Meßrzaßl der Expreffioniften ßat ficß nie in diefe Grenzen einzwängen
laßen. GCIill man den (Heg feßen, den fie gegangen [ind und der fie weit abgefüßrt
ßat vom künftlerifcßen Naturalismus, [o muß man ficß klar machen, daß es zwei ver-
fcßiedene Formen des S^^nens gibt. Äm deutlichen wird das, wenn man ficß mit
den 3eid)nungen der Kinder befcßäftigt. Es kann keine Rede davon fein, daß die
fymbolßafte Wiedergabe von Menfcßen, Käufern und anderen Gegenftänden, wie fie die
meiften Kinder anfangs betreiben, auf einer bloßen üngefcßicklicßkeit berußt, die mit
zuneßmendem Älter zurückgeßt. Man kann vielmeßr ganz allgemein beßaupten, daß
das 3^icßnen eines der menfcßlicßen Spiele ift, und daß diefes Spiel auf zwei grund-
verfcßiedene Weifen betrieben wird. Entweder wird die eigentliche Spielfreude durcß
die möglicßft getreue Wiedergabe des Naturvorbildes ausgelöft, oder aber durcß Aus-
geftaltung eines Symbols. Diefes Symbol ßat freiließ eine entfernte Naturäßnlicßkeit,
aber naeßdem es einmal gefeßaffen ift, befteßt beim „Spieler“ gar keine Neigung meßr,
es durcß genauere Beobachtungen zu verbeffern. Die Äusgeftaltung erfolgt völlig frei,
es kommt nur darauf an, ein recht feßönes, oder eßarakteriftifeßes oder fonftwie inter-
effantes Symbol ßervorzubringen, nießt aber darauf, ein gegebenes Modell abzuzeichnen.
Diefen beiden vermiedenen üypen des Spiels entfpreeßen vielleicht zwei verfeßiedene
Cypen von Menfcßen, ficßerlicß aber zwei verfeßiedene Cypen künftlerifcßer Gefinnung.
Es ßandelt ficß ßier freiließ nießt um abfolute Gegenfäjjlicßkeiten, denn im Symbol fteckt
immer noeß ein Reft von Naturbeobacßtung, und felbft im pedantifeßften Naturalismus
noeß ein Reft von Subjektivität, es ßandelt ficß alfo nur um eine Verfcßiebung des
Äkzentes. Solcß eine Verfcßiebung des Äkzentes ßat oßne 3weifel ftattgefunden, als
der Impreffionismus in den Expreffionismus umfeßlug. Denn die Feftftellung, daß es
zwei verfeßiedene Cypen des 3eid)nens gibt, ift zwar vorwiegend an Kindern gemaeßt
worden, ißre Bedeutung reießt aber erßeblicß weiter. Das Symbolzeicßnen ift ficßerlicß
meßr als eine Entwicklungskuriofität, die fpäter fpurlos verfeßwindet. ünfere Erzießung
ift feit Jaßrßunderten ganz einfeitig auf die Äusbildung des naturaliftifeßen Stehens
gericßtet, und dies verfüßrt uns, ßierin die einzige, fozufagen legitime, Form des 3eicß-
nens zu feßen. Wie wenig das Symbolzeicßnen durcß öngefcßicklicßkeit bedingt ift,
zeigen die bekannten Beobachtungen über das 3eicßnen der primitiven Völker. Die
uralten Jägervölker fertigten wundervolle, geradezu impreffioniftifeße Steinzeicßnungen
und Beinfcßnihereien an. In einem fpäteren Stadium der Entwicklung ift dann diefer
glänzende Naturalismus wie ausgelöfcßt, und an feine Stelle find Symbolzeichnungen
getreten, deren Äusgeftaltung völlig von dem Beftreben beherrfeßt wird, alle möglichen
Naturgeftalten in ein ornamentales Schema zu preffen, welches für den betreffenden
Kulturkreis gerade cßarakteriftifcß ift1. Vielleicht darf man im Kubismus einen modernen,
ornamentalen Schematismus feßen, der freilich nießt entfernt die Ausbreitung und die
zwingende Verpflichtung befitjt wie jener primitive. Bei der 3erfplitterung und inneren
Verfdßiedenartigkeit unferes Kulturkreifes ift das ja auch gar nießt anders zu erwarten.
Immerßin könnte man darauf ßinweifen, daß nießt nur unfere Malerei, fondern auch
unfere Architektur die Neigung hat, in Kuben zu denken.
Wenn man zur Begründung des Expreffionismus an die 3ei(hnungen von Kindern
und Primitiven erinnert, fo ift es leicßt, ficß daraufßin in bosßaften Kritiken diefer-Kunft-
rießtung zu ergeßen. Icß meine, man füllte ficß diefes billige Vergnügen ernftßaft ver-
fagen. Für den Pfycßologen muß es oft feßon als Erklärung gelten, wenn es ißm ge-

1 Sieße die Arbeiten von Max Verworn über primitive und keltifdje Kunft.

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