Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Alte und neue Graphik — Bücfyerfammelwefen

nicht mit außerordentlichen Mitteln aufgebaut
ift, fondern nach fet)r ökonomifchen Prinzipien
unter möglichfter Husnuljung der jeweiligen
Marktlage zufammengebracht wurde.
Cüeldje Erwerbsmöglichkeiten befanden aber
auch in jenen glücklichen fünfzig Jahren, die
dem THeltkrieg vorangingen, für die Sammler
alter Graphik. Mit der Huktion Brentano-
Birkenftock feljt das Jahr 1870 verheißungsvoll
ein, und dann folgte Jahr auf Jahr eine gute
Verweigerung der andern bis zum Frühjahr 1914,
das noch die Huktionenv. Pfeiffer und v.z. Mühlen,
Stroganoff, Mafcha brachte. Die Sammler konnten
in folchen 3eiten wählen und warten; was ihnen
das eine Mal entging, kam kurz darauf in einer
anderen Huktion wieder zum Vorfchein. Die
Preife waren faft konftant, der Kreis der Käufer
ausgewählt und klein.
Diefe Omftände haben natürlich auch David-
fohn, der faft nur auf Huktionen kaufte, außer-
ordentlich begünftigt und es ihm erlaubt, bis
zuletjt feine Sammlung im einzelnen auszubauen
und an Qualität zu verbeffern. So ift es denn
kein Büunder, daß das Ganze einen fo abge-
rundeten und ausgeglichenen Eindruck macht.
Bei eingehenderer Betrachtung des erften Geiles
der Sammlung wird man zunächst das Dürer-
werk ins Äuge faffen, das bis auf drei Kupfer-
ftiche, zu denen leider der prächtige Georg zu
Pferde gehört, und einige feltene Fjolzfcfmitte,
vollftändig ift. Hn Qualität ftehen die Kupfer-
ftiche denen derVincentMayer-Sammlung durch-
aus nicht nach, während die Fjolzfchnitte zwar
auch ungewöhnlich fchön find — von Perlen
nenne ich nur das vollftändige Exemplar der
großen Paffion in Probedrucken — im Gefamt-
eindruck aber doch etwas hinter Mayers Samm-
lung zurückftehen. Dafür entfrfjädigen aber die
faft lückenlofen Folgen der Kleinmeifter in ganz
ausgewählten Drucken. Äldegrevers Cüerk ift
z. B. feiten fchöner und vollftändiger in einer
Huktion vorgekommen. Hud) von den feltenen
und äußerft gefuchten Blättern Barthel Behams
enthält die Sammlung immerhin 27, unter denen
fich die herrliche Madonna am Fenfter befindet.
Gut vertreten find Ältdorfer, Fjans Sebald Beham,
Bink und H. Claesz, während unter den deutfehen
Meiftern des FJolzfchnitts befonders Baidung,
dann Burgkmair und Cranad) hervorragen.
Frühe Fjolzfchnitte unbekannter Meifter, an denen
z. B. die Sammlung Lanna fo reich war, finden
fich nur in einigen mehr zufälligen Probeftücken,
wie es denn überhaupt für die Sammlung charak-
teriftifch ift, daß fie den problematifdßen Änfängen
der Kunft weniger Berückfichtigung fchenkt.
Leider muß ich es mir verfagen, auf die hol-

ländifdjen Radierer des 17. Jahrhunderts, auf
die Porträtftecher, auf die Italiener und Fran-
zofen, die diefer erfte Geil des Katalogs in fdßönen
Folgen enthält, näher einzugehen. Über eine
Äufzählung von Namen, mit der niemand recht
gedient ift, würde eine folche Befpredjung doch
kaum hinausgehen können. Fjervorheben möchte
ich aber, daß gerade die Klerke der holländi-
fchen Malerradierer in ausgezeichneten frühen
Drucken vorliegen, die der Kennerfchaft diefes
hervorragenden Sammlers das befte 3eugnis
ausftellen. v. Rath-
Bücherfammelwefen
(Inter Leitung von
Bibliotheksdirektor Dr. E. von Rath
Leipzig, Ferdinand Rbodeftr. 35.
Neue fdjöne Büdjer
In Darmftadt hat fich 1919 eine „Gefellfchaft
heffifcher Bücherfreunde“ gebildet mit der
Hufgabe, durch Herausgabe nach Form und In-
halt wertvoller Druckwerke die Buchkunft zu
pflegen und zugleich die Schriftfteller und Ge-
werbetreibenden, vor allem die Drucker und
Buchbinder Fjeffeas, zu fördern. Die erfte Ver-
öffentlichung gilt einem Landsmann: „Herkunft,
Leben und Cüirken des Fjochfürftlid)
ßeffen - Darmftädtifchen Ober Cabinets-
und Fjofmahlers Johann Chriftian Fiedler
nad) alten und neuen Quellen bearbeitet und
im Huftrage der Gefellfchaft heffifcher Bücher-
freunde herausgegeben von Kuno Ferdinand
Graf von Hardenberg“, in 250 Exemplaren
bei C. L. tüittid) in Darmftadt gedruckt und im
Vertrieb bei der Fjofbuchhandlung Fj- L. Schlapp
in Darmftadt. Eine von dem Großherzog 1917
angeordnete und von dem Verfaffer vorgenom-
mene Hufnahme des künftlerifctjen Hausinventars
förderte 100 Gemälde zutage, die Fiedler und
feiner Schule zugefchrieben werden konnten.
Diefes Ergebnis hob diefen Bildnismaler, der
40 Jahre in Darmftadt gewirkt und fich im Volke
lebendig erhalten hat, zu einer der fruchtbarften
Perfönlichkeiten unter den Hofmalern des 18. Jahr-
hunderts empor und regte den Grafen von Har-
denberg zu eingehenden Nachforfchungen nach
feinen Lebensumftänden an, über die bisher nur
eine kleine Biographie aus dem Jahre 1780 unter-
richtete. Die reichen Erfolge diefer Qnter-
fuchungen werden in diefem fehr flott gefchrie-
benen Buche vorgelegt, das nicht nur unfere
Kenntnis über den Künftler und feine Schüler
wefentlich erweitert und feine Bedeutung für
die Gefchichte Heffens und der deutfehen Fürften-
tümer überhaupt nach weift, fondern zu einem

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