Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Von Künftlern und Gelehrten

Neue Graphik

liehen Interpreten feiner Kunft gefunden hat, und
Charles Fjofer, der nur auf äfthetifche (Flir-
kung zielt, deffen Kollektion, die in ihrer Ein-
ftimmigkeit kreidiger Eleganz faft wie ein ein-
ziges Bild wirkt, einen Gefamteindruck von un-
vergleichlicher Gefchloffenheit hinterläßt. Die
nicht charakteriftifd) gewählte Sammlung von
Chr. Rohlfs gibt leider kein klares Bild von
des Künftlers Hbfichten. (Flaldfchmidt vertritt
mit feinen von tranfzendentaler Sehnfudßt er-
griffenen Geftalten das religiöfe Element. Ebenfo
auch Gertrud (Ilmann, eine junge verheißungs-
volle Darmftädter Künftlerin. Sie hat viel Aus-
druck und jenes rein weibliche Empfinden, das
in feiner gefühlsmäßigen (Inbeirrbarkeit fiel) als
eine befondere Kraft neben der männlichen Lei-
tung behauptet. Von ftarkem Stimmungsreiz
find die fchönen Bodenfeelandfchaften von 5 ans
Dieter. Diem ift Übergangsftilift. Brill gibt
genial hingefe^te Karikaturen von Eindrücken.
Paul Klee, fattfam bekannt, zeigt das Spiel
feiner Linien und Farben in völliger Abkehr von
diesfeitigen Erfcheinungen. FJervorragend durch
Cechnik und Schönheit find die Emailarbeiten
von Karl Lang-Fjanau. d).
Von Künftlern und Gelehrten
Der Frankfurter Bildhauer Carl Stock erhielt
einen Ruf an die Cechnifche Qochfchule in
Aachen. — Prof. Alberto Nogara, bisher
Leiter des Mufeum Gregorianum Etruscum, ift
zum Generaldirektor der Vatikanifchen Mufeen
und Galerien ernannt worden. Für die Skulp-
turenabteilung wurde daneben als Spezialdirektor
Prof. Guido Galli, ein Sohn des kürzlich ver-
dorbenen Generaldirektors ernannt. — Prof. Dr.
Paul Schubring, Dozent für Kunftgefduchte
an der Cechnifchen Fjochfdßule Berlin, erhielt
einen Ruf als ordentlicher Prof, (als Nachfolger
Grifebachs, der nach Breslau geht) an die Cech-
nifche Fjochfchule zu Hannover und wird dem-
felben Folge leiften.— Prof. Fjugo Eberhardt,
Offenbach a. M., hat den an ihn ergangenen Ruf,
als Nachfolger Fjans Poelzigs das Meifteratelier
fürBaukunft der Akademie der bildendenKünfte in
Dresden zu übernehmen, abgelehnt. — J. Chorn-
Prikker, der bekannte rheinifche Maler und
Kunftgewerbler, ift als Leiter der Klaffe für Glas-
malerei an die Kuriftgewerbefchule in München
berufen worden, die damit eine ausgezeichnete
Kraft gewonnen hat. — Oberbaurat Fj ermann
Bi Hing, der bekannte Architekt, bisher als Pro-
feffor an der Cechnifchen Fjochfchule in Karls-
ruhe tätig, ift zum Direktor derBadifchenLandes-
kunftfdmle ernannt worden, in der die ehemalige

Akademie und Kunftgewerbefchule feit 1. Oktober
zu einer Anftalt vereinigt wurde. — Das Amt eines
Konfervators der Kunftdenkmäler in Preußen hat
nach dem Rücktritt von Geh. Rat Lutfch Re-
gierungsrat 13 i e de e - Berlin übernommen.
Neue Graphik
Der tollen Phantaftik der Morgenfternfchen
Palmftrömlieder, deren barocke Einfälle in ihrer
fchnurrenhaften Launenhaftigkeit und aller (üahr-
fcheinlichkeit fpottenden (Infaßbarkeit jenfeits des
bildlich Darftellbaren zu liegen fcheinen, hat der
Berliner Graphiker Fjans (Flindifd) in zehn
Lithographien, die der Verlag Johannes Lohfe,
Leipzig, in einer fd)ön ausgeftatteten Mappe
vereinigt hat, Ausdruck gegeben. Ein kühnes
(Interfangen, das aber durch die von dem Künft-
ler gewählte und beherrfchte Formenfprache ge-
lungen fcheint und den draftifchen Junior, die
tieffinnige Gedankenwelt und fdjaurige Sym-
bolik des Phantoms Palmftröm in feffelndeBilder-
Wirkung zu gießen weiß, (denn er z. B. „im
Fjinblick auf den Mondfehein“ den ((lafferefel
darftellt oder Palmftröm im Dunkeln mufiziert,
während die Sterne funkeln, fo ftellt der Gra-
phiker alle Schauer der Geifterftunde dar, daß
es uns kalt überläuft. Eine unheimliche Kirch-
hofsromanze ergibt der (Flehrwolf, der den armen
Schulmeifter aus dem Grabe zitiert, daß er ängft-
lid) über dem Kreuze feiner lebten Rußeftätte
fchwebt und wie eine Vogelfcheuche hin- und
herwedelt. Ein reizendes Idyll vereinigt die
Rehlein, die die kleinen 3et)lein falten. Kurzum,,
FjansKIindifch ift der dem Dichter verwandte
Phantaft, dem man gerne in fein hier dargeftell-
tes Fabelreich folgt. K. S.
Die Galerie Alfred Flechtheim, Düffeldorf,
kündigt ein Mappenwerk mit fieben Linoleum-
fchnitten des im Auguft 1917 gefallenen (üilhelm
M o r g n e r an, das, mit einem Geleitworte Cheodor
Däublers verfehen, in einer Auflage von 50 Exem-
plaren zum Preife von 400 Mark demnächft er-
fdjeinen wird. Die (Flerke, die Morgner in feinem
kurzen Leben gefchaffen hat, tragen alle den
Stempel feines eigenen und einzigen Charakters
fo ficher eingeprägt, daß es kaum einem 3weifel
unterliegen kann, daß wir hier einen Künftler zu
früh verloren haben, deffen inbrünftiges (liefen,
deffen Seelentiefe und gewaltiges künftlerifches
Können ihn zu etwas ganz Großem beftimmt
hatte. Seine graphifchen Arbeiten gehören zu
den ftärkften Äußerungen der modernen Graphik,
(dir verweifen zur Charakteriftik des Künftlers
auf den in Fjeft 13 erfchienenen Artikel von
(Füll Frieg und dem Band Morgner in der fo-

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