Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Von DANIEL HENRY

Der Purismus

Es ift dies eine Bewegung, deren Urheber zwei franzöfi[d)e Maler [ind, Ozenfant
und Jeanneret. Bewegung im wahren Sinne. Nicht eine Malweife, oder ein Stand-
1 punkt, diefer beiden, fondern Bekennertum, das Belehrung, Bekehrung aller an[trebt.
üm diefe Bewegung zu verftehen, muß man fid) Recßenfcßaft geben, daß, entgegen
der in Deutfcßland ßerrfcßenden Anfid)t, die Pßilofopßie Bergfons, mit Myftizismus
und Verachtung der öQiffenfd)aft, ganz und gar nicpt unbeftritten in Frankreich das
Feld beherrfdjt. Vielmehr wehrt [ich gegen fie der alte franzöpfche Rationalismus. In
kühler Klarheit tritt er z.B. in den Klerken eines Julien Benda den Bergfonfchen Nebeln
entgegen. Deutlich diefem Rationalismus entfproffen ift der Purismus, deffen Kiefen
feine Urheber zuerft Ende 1918 in einem kleinen Bande, genannt „Apres le Cubisme“1,
darlegten. Seitdem werben fie unermüdlich in Klort und Schrift für ihre Gedanken.
Grundlage ift folgendes. Kloran liegt es, fagen Jeanneret und Ozenfant, daß die
Durchfcßnittsleiftung in der Malerei fo unendlich tiefer ftept als in der Mufik z. B.?
Sie antworten: weil in der Mußk gewiffe Grundgefeße von jedermann anerkannt und
beobachtet werden, wodurch gewiffe grobe Entgleifungen unmöglich werden. In der
Malerei jedoch h^rfc^o noch vollkommene Unkenntnis über die Regeln, die auch in
diefer Kunft zweifellos beftehen. Der Purismus will diefe Regeln entdecken, und fie
in feinen Klerken durch den Verfuch beweifen. Er will dabei weniger darlegen, was
zu tun fei, als, was zu unterlaßen fei.
Fjinzu kommt noch eine Äfthetik der Malerei, die diefe Maler im engeren Sinne
„puriftifch“ nennen. Sie wollen von den Gegenftänden, fagen pe, nur die „elemen-
tare Qualität“ wiedergeben, in Form und Farbe, diefe aber auf keinen Fall verlieren.
Sie laßen alfo keine Deformation oder Dekoloration zu, die der Darftellung diefer
elementaren Qualität gefährlich würde. Es würde zu weit führen, wollte ich hier die
Klege angeben, auf denen die beiden Maler diefes zu erreichen hoffen.
Deutlich ift eines: \)ier wird gewollt etwas angeftrebt, was man die Darftellung
der platonifchen Idee der Dinge nennen könnte. Genau das — fonderbarer Kleife —
was Bergfon als intuitiv zu erreichendes 3iel der bildenden Künfte aufftellt.
Kann diefe Bewegung von Nußen fein? Vielleicht wohl: cs ift pcher, daß manche
Entgleifung der Schwachen durch gewipe Grundregeln verhindert würde. Aber ift es
denn wichtig, daß die Schwachen geftüßt werden? Und die Starken werden nie der-
artige Regeln anerkennen. Mit Recht. Denn diefe Regeln pnd gar nicht im Kunft-
werke vorhanden: erft wir bekleiden es damit in unferer Änfdhauung. Auch die
Regeln der Mufik, auf die jene Maler ihre Beweisführung gründen, pnd ja nur Sicp-
tungsverfucpe, Hilfsmittel einer 3eit: nicht ewige Gefeße. Gerade tyeute wanken pe
unter den Schlägen einer neuen mufikalifchen Äfthetik.
So wird denn der Purismus höchftens eine gewipe wolpanftändige Mittelmäßigkeit
züchten können. Sehr zu loben ift jedenfalls feine Abkehr vom Bizarren, feine ruhige
Klürde. Klapizismus ift diefe Bewegung pcher. Und ungeheuer fympathifct) erfcpeint
ihre Selbftzucht gegenüber der zügellofen Formverrohung, die tyeuie. in Deutfdpand
herrfd)t. Aber: den Starken kann die Lehre Ozenfants und Jeannerets nichts geben. Es
bleibt zu erwarten, welches 3eugnis für ihre Lehre ihre eigenen Klerke ablegen werden.
1 Ed. des Commentaires, Paris.

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