Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Die 3eit und der Markt

Kunftpolitik
Sdjöpferifdje Konfeffion
In der an diefer Stelle fchon mehrfach mit
Nachdruck empfohlenen Schriftenreihe, dieKafimir
Edfchmid unter dem Eitel „Eribüne der Kunft
und 3eit“ bei Erich Reiß-Berlin herausgibt, ift
als letzter der Bände ein Büchlein unter dem Eitel
diefes Beitrages erfduenen, das aus einer glück-
lichen Idee heraus konzipiert, im lebten ein Be-
kenntnis zur 3eit ift. Schriftfteller und bildende
Künftler von Ruf ergreifen hier das Klort und
fpredjen über „das ülerk, die 3eit, die Kielt“.
Namen wie Schickele, Qnruh, Eoller, Becher,
Kaifer, Sternheim und Däubler auf der einen,
Künftler wie Pechftein, Fjoetger, Felixmüller, Groß-
mann, Klee u. a. auf der anderen Seite umreißen
in fcßärffter geiftiger Ausprägung nicht nur das
Programm diefer Schrift, fondern auch in er-
weitertem Sinne zugleich das Geficht unferer
Epoche, das den Miterlebenden oft wie ein ein-
ziges Fragezeichen anfpricht.
Bekenntnis des Schöpfers zum Klerk und zur
3eit-Schon hier könnte man die nicht
unbegründete Frage aufwerfen, ob denn über-
haupt in diefem Chaos einander widerftrebende
Kräfte Klerk und 3eit identifd) feien, ob zwifchen
beiden, harmonifch ausgleichend und zugleich
erklärend, die Urquelle alles Schöpferifchen offen-
bar werde, die das Klerk des einzelnen in den
Gefamtrhythmus der Epoche einfpannt. Ein Jahr-
hundert, das fich wie feiten eines in Schlagworten
fo erfinderifd) gezeigt hat wie das unfrige, täufcht
zunächft über alle 3weifel leicht hinweg, die fich
etwa dem gegenwärtigen 3uftand unferer Kunft
gegenüber erheben, aber wer diefen 3uftand
heute vorurteilsfrei und unbefangen von ver-
alteten Meinungen, von innen heraus durch-
leuchtet, kann fich kaum der Gefahr des Augen-
blicks mehr verfchließen, in die die fogenannte
fchöpferifche Produktion der Gegenwart unter
dem Einfluß einer nachgerade Mode gewordenen
Richtung geraten ift. Expreffionismus! Gut-.
Jede große künftlerifche Schöpfung ift Ausdrucks-
kunft, aber es ift ein Irrtum zu glauben, daß mit
einem gewiffen oberflächlichen*Ausdruck, mit den
Äggredienzien eines Stiles auch das Kunftwerk
diefer 3eit gefchaffen fei. Als die erften der
modernen Expreffioniften, die Nolde, Marc, Ko-
kofd)ka,Fjeckel—und wie fie alle heißen mögen —
vor Jahren ihr Klerk in die Maffe hineinfchleu-
derten, fühlte jeder, der überhaupt die Klitterung
in 3ukünftiges befaß, die Morgendämmerung
einer neuen 3eit. In diefer fcböpferifcben Kon-

feffion von einem Duzend urfprünglicher Be-
kenner wies die Jugend von geftern zum Ent-
fetten aller Philifter und erlebnisarmen Bourgeois,
die auf ihrem Kunftkanon wie Fafnir auf feinem
Schah brüteten, auf ein noch unentdecktes Neu-
land hin, das uns der nächfte Eag befcheren
füllte. Auch diefen haben wir dann erlebt und
er wird uns ewig unvergeßlich fein. 5atte vor
25 Jahren der Impreffionismus bei uns feine erften
entfcfjeidenden Schlachten gegen Qiftorizismus
und Ätelierkunft zu fcßlagen, wie unvergleich-
lich erfrifcßender war nicht diefe Revolution der
damals Jungen, die noch heute das Klutgeheul
veralteter Mufeumsdirektoren und biederer Pro-
vinzialen entfachen, obwohl fie längft die An-
erkennung der modernen Kunftfreunde gefunden.
Fjeute geht ja überhaupt nicht mehr der Kampf
um die Richtung, fondern nur noch um das Klerk
des Einzelnen. Daß die Richtung gewiffermaßen
Modefache geworden, gereicht der Kunft felbft
nicht zum Vorteil. Beffer wäre es für uns und
dieKunft gewefenJenesDutjend neufchöpferifcher
Perfönlicßkeiten, zu denen fich bald andere
gleichftarke Ealente gefeilt haben würden, hätte
feine Offenfivftellung der 3eit und ihrem ünge-
fchmack gegenüber noch ein Jahrzehnt länger
behaupten müffen, wir würden dann nicht jenes
unerhörte Mitläufertum erlebt haben, das heute
zu einer wahren Gefahr geworden ift und die
moderne Kunft fchlimmer diskreditiert als es alle
wohlbeftallten Akademiker je vermöchten. — Be-
dürfte es für diefe Feftftellung noch eines Be-
weifes, fo ift er durch die gegenwärtige Aus-
heilung der Novembergruppe am Lehrter
Bahnhof erbracht. In diefen ungaftlichen, von
jeher auf Maffenbetrieb eingerichteten Fjallen
haben fich die Konfervativen in der Kunft mit
den Radikalen zu einer Gefamtfchau (zwar fäuber-
lich voneinander gefchieden) zufammengetan,
die, geht man rechts oder links, einen einzigen
Degout hinterläßt. Klie der Bolfchewismus diefer
Lage nur das nach links hin verdrehte kapita-
liftifche Prinzip verkörpert, fo find die Radikalen
der Novembergruppe (um die ganz wenigen Aus-
nahmen, die man leider in diefer Gefellfchaft
fieht, ift es wahrlich ein Jammer) nichts wie
verkapptes Akademikertum, das genau wie jene
Leute auf der rechten Seite es früher taten,
auch nur einer Mode opfert. So fehr uns die
Langeweile und treuherzige Biederkeit jener
Leute von rechts, die einmal nicht anders können,
weil ße es auf den Brutanftalten für künftlerifche
Maffenzud)t, den neupreußifchen Akademien
nichts Befferes gelernt haben, anödet, fo frivol und
in ihrem blanken Plagiatorenftil verwerflich er-

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