Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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BIER MMSTSÄMMLJER
Von Samin elwefen und Ivunjlereigiiifjc n

Das Kunftmufeum des Oberalten Peter Friedrich
Röding und [eine Verfteigerung im Jahre 1847
Ein Beitrag zur Gefcljidjte der öffentlichen und privaten Sammel-
tätigkeit in Hamburg Mit 10 Abbildungen / Von ALFRED ROHDE-Hamburg

Der Anfang des 19. Jahrhunderts bedeutet eine Umwälzung auf dem Gebiete der
Sammeltätigkeit: das Mufeum im modernen Sinne tritt in Erfcheinung. Die be-
deutenden Metropolen Paris und London eilen voraus: das Britifh Mufeum geht
noch ins 18. Jahrhundert zurück, Paris erhält 1803 fein Musee Napoleon, 1838 folgt
London mit der National Galerie1. Damit fterben die fürftlichen Kunftkammern aus.
Zugleich hat die Sterbeftunde für das Raritätenkabinett des privaten Sammlers ge-
fchlagen; an die Stelle der dillkür des einzelnen tritt die ftraffe Organifation der
Gefamtheit und das Verantwortungsgefühl eines Beauftragten, das diefen zum Ankauf
von Qualitätsware zwingt.
An der Schwelle diefes Überganges ftetjt in Hamburg ein Unternehmen, das Gefahr
läuft, in Vergeffenheit zu geraten, obwohl es — cum grano salis — die Grundlage
der Sammeltätigkeit in Hamburg bildet. Am 14. April 1804 eröffnete der Oberalte
Peter Friedrich Röding in der erften Etage des Fjaufes Steinftraße 42 ein Kunftmufeum2,
1805 fiedelte es nach dem Artilleriezeughaus am Deichtorwall (Abb. 1) über, wo es am
11. September wiedereröffnet wurde. Ulährend der Franzofenzeit hatte Röding auf
Anraten des franzöfifchen Naturforfcßers Cuvier die Seltenheiten eingepackt und ver-
borgen gehalten und fo die Sammlung über die fcßwierige 3eit der Befeßung hinweg-
gerettet3. Am Deichtorwall hat das Mufeum dann feine Core dem Publikum geöffnet,
bis die Auktion von 1847 nach Rödings Code es in alle Ulinde zerflattern ließ. Uleh-
mütig fagt der Auktionskatalog, von Fiarzen4 verfaßt: „3um leßtenmal wird nunmehr
Rödings Mufeum dem Publikum geöffnet und diefe feltene Vereinigung verfcßieden-
artigfter Gegenftände, den Kunftfleiß aller Völker und die entlegenften 3edepochen
umfaffend, ein unerfcßöpfliches Feld der Betrachtung für den Ulißbegierigen und den
Kunftfreund, eine Fundgrube für den Forfcher der Gefdpchte der Sitten und der Er-
findungen, der Cechnik und der Kunft, wird zerfplittert werden; es ift die leßte Samm-
1 Vgl. Scßloffer, Schatzkammer, Cllien 1918; Donath, Pfgcßologie des Kunftfammelns, Berlin 1917.
2 Die Literatur findet [ich im wefentlichen im Qamburger Schriftftellerlexikon 1873, Bd. VI,
S. 337 ff. zufammengeftellt. Äußerdem fieße: Hamburger Nachrichten 1847, Nr. 113 u. 116, F)eß,
FJamburg, topographifcß, politifd) und hiftorifch, 2. Hufl., Fjamburg 1811, Bd. II, S. 438, 3ßitfd)rift
d. Ver. für Fjbg. Gefch-, Bd. II, S. 655, Jahresbericht des naturwiffenfchaftl. Vereins, Jahrg. 1847.
3 ttlöchentl. Nachr. 1814, Nr. 128.
* Verzeichnis über das von weiland dem IJerrn Oberalten P. F. Röding hinterlaffene Kunft-
mufeum . . . welches am Montag . . . verfteigert wird. Fjamburg 1847, S. IV.

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