Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Italienifd)G Majolikawerkftätten des 16. Jahr-
hunderts und die in ihnen benutzten Vorlagen
Mit 21 Abbildungen Von K. FR. LEONHARDT

II. (Fortfetjung und Schluß aus Hett 6.)
Das Aufhören der Cätigkeit Nicolo Pelliparios und Francesco Xanto Ävellis kurz
nach 1540 fällt zeitlich ziemlich) genau mit dem Aufkommen eines neuen Stiles
der Majolikamalerei zufammen, der den Einfd)nitt in der Entwicklung, von dem
an man die Verfallszeit zu datieren pflegt, doppelt fühlbar macht. Das Intereffe an
der malerifdjen Landfdjaft beftimmt die Produktion zunächft ürbinos in den vierziger
Jahren; weite Ausblicke über Flüffe und Seen auf hügelige mit Baulichkeiten reich be-
fetjte üfer und bergige Hintergründe, die Verwendung wedjfelvollen Baumfd)lages find
Merkmale des neuen Stiles. Der eiferne Beftand an Einzelfiguren aus den bis dahin
reichlich benutzten Vorlagen des Marc Antonkreifes wird für zwei Jahrzehnte kaum
mehr angegriffen, nur auf vereinzelten Prunkfdjüffeln größten Formates erfcheinen noch
die unverwüftlichen Darftellungen des Parisurteils, der Fällung Goliaths, des betßlehe-
mitifchen Kindermordes. Im übrigen tritt das Figürliche bis zur völligen Eliminierung
in den berühmten Gefäßen des Salviatigefcßirres zurück, wo es fid) noch findet, wird
es mit fichtlicher Lieblojlgkeit behandelt. Das dauert allerdings nicht lange. Die Land-
fdjaft erweift [ich in der Auffaffung der Majolikamaler als zu wenig wandlungsfähig,
ße erftarrt zu konventionellen Formen, die der Belebung durch das figürliche Element
auf die Dauer nicht entbehren können, und hier greifen um 1550 die neuen Vorlagen
helfend ein.
Im Jahre 1549 erfdjienen bei Jean de Cournes in Lyon die GQerke des fdjon 1544
geftorbenen Dichters Clement Marot und in ihnen eine Überfettung der drei erften
Bücher der Metamorphofen Ovids mit 21 fjolzfchnitten Bernard Salomons1, winzigen
Bildchen, die das Miniaturformat der Holbeinfdjen Bibelilluftrationen noch um ein be-
trächtliches zu unterbieten fuchten. Marot hatte einige Jahre als Flüchtling am Hofe
von Ferrara gelebt und es mag das perfönlidje Intereffe eines Beftellers die Fontana-
werkftatt auf diefes, gegenüber den doch fcljon recht zahlreichen illuftrierten Ovid-
ausgaben etwas abfeitige öüerk unmittelbar nach feinem Erfcheinen gelenkt und ihr
damit ein neues ungemein fruchtbares Arbeitsfeld eröffnet haben. (Abb. 9 bis 12.)
Handelte es fid) bis dahin darum, großßgurige Kompofitionen als Ganzes oder in
Einzelheiten ohne wefentlidje Änderung einfach übertragen oder allenfalls kleineren
Formaten einzupaffen, fo erwuchs lher die Notwendigkeit, Kleinftes ins Große zu über-
feßen. Das gelang mit anerkennenswerter Gefchicklichkeit. Die neue Aufgabe weckte
1 Vgl. N. Rondot, Bernard Salomon, peintre et tailleur d’tnstoire a Lyon, Lyon 1897, S. 78.

Der Cicerone, XII. Jaljrg., ßeft 9

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