Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Von JOACHIM KIRCHNER
Mit 14 Abbildungen

Moderne Landfd^aftsmalerei


i.
Die Landfchaftsmalerei wird von der Kunftgefd)id)te nicht mit Unrecht vielfach als
eine befondere Angelegenheit der germanifchen Raffe angefprochen. 3ur Be-
gründung diefer Behauptung beruft man fich auf das liebevolle Naturftudium der
Gebrüder van Eyck zu Beginn der nordifchen Tafelmalerei, erblickt in Dürer den eigent-
lichen Begründer diefer Kunftgattung und feiert in Rembrandt und Ruysdaels durd)-
geiftigter Landfchaftskunft die vollendeten Schöpfungen einer großen kosmifchen Ge-
finnung. Gewiß! Dem romanifcßen Künftler ftellt fich die Kielt anders dar als dem
Germanen. Seinem aufs Formale gerichteten Schönheitsideale entfpricht es, fich in der
Kliederholung menfchlicher Geftalten Genüge zu tun, er fielet mehr oder weniger alles
sub specie figurae humanae. Nicht als ob die Natur für ihn nicht exiftierte, aber fie
bleibt ftets etwas Untergeordnetes, etwas Nebenfäct)liches, der Menfd) ift ihm inter-
effanter und wefentlicher als Berge, Kliefen, Kläffer, Klald und Klolken. Und felbft da,
wo er fich wie etwa Claude Lorrain oder Pouffin an rein landfdjaftliche Motive heran-
macht, bleibt der formale Eindruck der Einzelerfcheinung, der Geift des Einzelfigürlichen
das Klefentliche. Anders der Germane! Ihm ift der Baum nicht weniger beachtens-
wert als der Menfch. Das einzelne wird entfelbftändigt, Bäume, Kläffer und Erdreich
find von einem bindenden elementaren fauche durchweht, ein inftinktives Gefühl für
die Gefamtheit der Erfcheinungen des unbegrenzten Alls ift bei jedem Klechfel des
Stils als integrierende Eigenfdjaft dem nordifchen Künftler von Fjaufe aus mitgegeben.
Und diefe fcheinbare Selbftverftändlid)keit ift es wohl hauptfäd)lich, die uns die Be-
trachtung der Klerke nordifcher Landfchaftskunft in befonderem Maße vertraut und
wertvoll macht.
II.
Die vulkanifche Erfchütterung, die vom Jahre 1789 ausgehend ganz Europa um-
geftaltete und auch auf Kliffenfchaft und Kunft ihre reinigenden Klirkungen ausftrahlte,
leitet in der Gefehlte des Naturgefühls eine neue Epoche ein, die nach der Maniriert-
heit des gezierten und unwahren Schaferftils wie ein erfrifdjender Morgen aufging.
Ein junges Gefchledjt erftand, das mit einem „tieffinnigen und energifchen Geifte und
in abfolut originaler Kleife in den Kluft des Alltäglichen hineingriff und aus deren
Mitte fich eme eigentümlich neue, leuchtende, poetifche Richtung hervorhob“. Das Un-
erhörte und Revolutionäre in der Kunft eines Friedrich, Runge, Dahl und Blechen, die
nach dem 3ufammenbruche Deutfchlands und bei feiner Kliederauferftehung mit fittlichem
Ernft und in durchgeiftigter Form die romantifchen 3ßittendenzen für die Landfchafts-
malerei fruchtbar machten, mag dem Befchauer des zwanzigften Jahrhunderts nur fdßwer
auffindbar erfcheinen — Tatfache bleibt, daß diefe Künftler damals neue, ureigenfte
Bahnen gingen, die, wie ein zeitgenöffifcher Kunfttheoretiker bekennt, auf jedes
empfängliche Gemüt durchaus anregend, ja erfd)ütternd einwirken mußten. Diefe ihre
anfangs unverftandene Ifoliertheit und ihr von einem ftarken künftlerifchen Klillen ge-
leitetes Streben, die Kunft aus der Trivialität eines abgeftandenen 3ßitgcfchmackes einer
neuen Blüte entgegenzuführen, bringt fie unferer 3eit menfdjlich näher. Die Biücke
zwifchen den jugendlichen Stürmern von einft und von heute ift leicht gefunden, wenn
man erwägt, daß die Intentionen unferer jungen Künftlerfcßaft darauf ausgehen, fich
nach dem politifchen Bankerott aus der Verworrenheit einer materialiftifch-mechanifchen

Der Cicerone, XII. Jabrg., geft 1

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