Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Hbb. 1. Bruno Krauskopf. Vorfrühling.
lüeltauffaffung herauszureißen, und daß ißre Seßnfucßt auf eine wahrere, ftärkere,
unmittelbar dem Gefühl entlehnte Sprache gerichtet ift. [üie ehemals wird es fcßwer
fallen, den modernen Menfcßen, der als Kind des 3eita^ers der komplizierteften
mafcßinellen Erfindungen allen gefühlsmäßigen Momenten mit Skepfis begegnen
wird, für die neue Kunft zu gewinnen. Man hatte es fiel) bisher unendlich leicht ge-
macht; man hatte fich) daran gewöhnt, Kunftwerke ohne gefühlsmäßige Prätentionen
zu betrachten, und allein die virtuofenßafte Cecßnik und die Gefctjicklicßkeit des
Künftlers tunfichtlicf) der Ausführung feines Vorwurfes entfcßied über die Qualität
eines Bildes. Die Gefinnung, die den Künftler zu einer befonderen Geftaltung, zu
einer neuartigen Niederfcßrift feiner Pßantafien drängte, ftand nicht zur Diskuffion, da
ein Maßftab für derartig immenfurable geiftige vierte nicht gefunden werden konnte.
Sollen wir der Kunft unferer Jugend gerecht werden, fo müffen wir von Grund auf
umlernen und uns daran gewöhnen, daß für die Beurteilung eines Kunftwerkes nicht
die Naturwaßrheit und die Gefcßicklichkeit der ödiedergabe eines Naturausfcßnittes
alleiniger Gradmeffer ift. Die Intenfität des geiftigen Konzentrationsvermögens, das
Effentielle des Gegenftandes herauszuholen, ift das Entfcßeidende. Es kommt auf die
Möglichkeit an, für das Befondere einer Empßndung, einer Stimmung die prägnante
Äusdrucksform zu finden, und aus der natürlichen Erfcßeinungsform das ißr eigentüm-
lich Spirituelle herauszudeftillieren. Die Modalitäten der Löfung eines folcßen Ver-
geiftigungsprozeffes find felbftverftändlicf) fo zahlreich, fo viele Künftlerindividualitäten

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