Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Von KASIMIR EDSCHMID
Mit 13 Abbildungen

Die Darmftädter Sezeffion

In dem Dreieck zwifcßen [Qorms, Klürzburg und Mainz ift Deutfcßland gemacht worden.
Von Riemenfcßneider, Grünewald, Georg Büchner bis Stefan George liegt eine Qn-
maffe Eruption, ßier ift eine der fcßöpferifcßften Ecken, und hier hat oft der Geift
zu gären begonnen. 3wifcßen Main und Neckar liegt Kulturßumus. Es wäre erftaun-
lic±) gewefen, hätte fict) nicht in der Spannung der heutigen 3^it dies oder jenes Ge-
witter der Jugend h)ier entladen.
Führer kamen hier eigentlich öfter vor als breite und gute Durcßfcßnitte. Din und
wieder ging ein Stüde ßoße Saat auf, unter deren Schatten die Jahrhunderte weiterliefen.
Es ift, als zeuge die Volkskraft hier, die eigentlich amufifcß und Schönem, Neuem und
Bedeutendem abgeneigt ift, in wildem Kontraft hin und wieder ein Monftrum, daß an
den ziehen fo übernatürlich großer Geburt ßicß eine Kompenfation finde für das allzu-
glatte Gelingen der durchschnittlichen 3eu9ung. Darum find auch manche Epochen
ganz taub. Qm Goethes 3^it wirbelte es ein wenig hier, die Romantik vollzog
ßd) im wefentlicßen wo anders. Die Naturaliften hatten 1)ier keinen Boden. Für die
Neuromantik entftand lßer wieder ein 3entrum um George. 3ur Malerei allerdings
wurde nicht viel und jedenfalls nichts Bodenftändig-Großes beigetragen. 3U den
Nazarenern etwas, Impreßioniften nichts, den Symboliften Ludwig von Fjoffmann. Daß
fcßließlich vielleicht der oder jener aus der Stadt oder Gegend ftammt, beweift ja eigent-
lich nur die Fruchtbarkeit des Einzelfalls. Erft wenn die Fälle in einer Generation fict)
häufen, das Land felbft fo tragend und in ßcl) ruhend wird, daß es felber Ausgangs-
punkt, Mittelpunkt, Sprungbrett wird, dann erft greift es unübergeßbar in die Ge-
fehlte des Geiftes.
Dies muß bedacht fein, erwähnt man das Ganze.
Die Stoßkraft und das reziproke Verhältnis von Menfcßenmaße und Geiftfrucßtbar-
keit entfeßeidet. Die paar Duzend Dänen haben im Verhältnis viel meßr, die noch
viel kleineren Norweger ungeheuer viel meßr Produktivität wie wir. Das kleine Duffen
ift mit Geiftdurcßfcßnitt waßrlicß nicht gefegnet. Die um 1900 gegründete Kolonie von
Künftlern war eine Okulierung ganz fremdartigen Kiefens auf eine fcßlafende bour-
geoife Stadt. Beßrens und Olbrich gingen kurz durch die Stadt, fpäter Fjoetger. Alles
andere war meßr im Klienerifcßen oder Kunftgewerblicßen fundiert. Den damaligen
Fürften verband nichts mit der neuen 3eit. Ein Misverftändnis feßob ficß dreieckßaft
zwifeßen 3ßit» Gegend und ßerrfdßende Kunftricßtung. Die Kolonie zerßel bald. Es
blieb Kunftgewerbe, blieb als Maler der zeitlofe mondäne und elegante Kliener Pellar.
Von der Kunft der Eingeborenen war waßrlicß nichts diskutabel. Die Gefinnung war
ftramm konfervativ, und die Riefen des ofßziellen Einßuffes, oßne ficß der Pygmäen-
rolle des Geiftes klar zu fein, machten Diktatur. In diefer Atmofpßäre ging, Kopf
und Fjerz in den feßweren Gewittern der 3eit, eine bodenftändige Jugend auf. 3ucrß
woßl wefentlicß literarifcß und geiftpolitifd) orientiert, entftand ein KJirbel. Beckmann
zog nad) Frankfurt. In Fjanau arbeitete Ewald, Dülberg kam in den Odenwald, Bab-
berger faß in Frankfurt, in Kliesbaden, auf dem Lande wuchs an Idee und gleicher
Bemüßung ein Gefcßlecßt heran, das noeß geduckt war, ficß felber nicht genug bewußt,
aber unter den Schlägen des verhaßten Krieges nocß gedrückt, bei der beginnenden
Revolution breit und ßeßer in die Öffentlichkeit trat und den Plab einnahm, der ißm
gebüßrte. In einer denkwürdigen Sitzung im November 1918 im Darmftädter Rathaus

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