Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Klaffifdje und roraantifdje K u n ft
Von PAUL COHEN-Port heim
Vorbemerkung des Herausgebers:
Das nachfolgende Kapitel ist als Vorabdruck einem Buche entnommen, das in den nächsten
Wochen unter dem Titel „Asien als Erzieher“ bei Klinkhardt & Biermann erscheint.
Aus der gleichen Quelle stammten die beiden Beiträge unter dem Titel „Asiatischer und
europäischer Geist in der Kunst“ sowie „Impressionismus und Expressionismus“, die der
Cicerone in früheren Heften des laufenden fahrgangs veröffentlichte. Schon diese letzt-
genannten Artikel fanden über den Leserkreis unserer Zeitschrift hinaus stärksten Widerhall
in der Öffentlichkeit und regten vielfach zur Diskussion an. Und doch waren es nur Bruch-
stücke aus dem oben erwähnten Buch, das in anderem Sinne als Spenglers vieldiskutiertes
Werk ins geistige Zentrum dieser von harten Gegensätzen schwangeren Zeit vor stößt. Ge-
stützt auf die Lehren der alten Weisen des fernen Ostens erkennt Cohen den Gegensatz
des westlichen Individualismus zu dem östlichen Universalismus, den vornehmlich die meta-
physischen Schriften Indiens gelehrt haben. Nach ihm bereiten die Zeitereignisse nicht den
Untergang des Abendlandes vor, sondern auf politischem wie auf geistigem Gebiet einen
Ausgleich zwischen Asien und Europa, eine höhere Menschheitssynthese. An den
Gegensätzen im Leben der Völker, der Kunst und des Geistes entwickelt der Verfasser in
überzeugender und fesselnder Weise seine neue Philosophie der Menschheitsversöhnung, die
zugleich die Rückkehr zum Universalismus bedeutet. Cohen hat sein Buch während einer
vierjährigen Gefangenschaft hinter dem englischen Stacheldraht in vollkommenster Isolierung
konzipiert und es verdient besonders hervorgehoben zu werden, daß es abgeschlossen war,
bevor noch die Schriften von Spengler und Einstein erschienen. Es ist eines der universalsten
Zeugnisse deutschen Geistes und es unterliegt kaum einem Zweifel, daß es — wie kaum
ein anderes Werk — in den kommenden Monaten die Öffentlichkeit beschäftigen wird.
Spricht man von klaffifcher und romantifcher Kunft, fo denkt man wohl zuerft an
den Klaffizismus des Übergangs vom 18. zum 19. Jahrhundert und an die ihm
folgende Reaktion. Bei klaffifcher Kunft denkt man an die Rückkehr zur Antike,
bei romantifcher an die Rüdekehr zum Mittelalter und Rittertum, bei beiden aber denkt
man an eine der Vergangenheit zugewandte Bewegung. Im allgemeinen Sinn aber
verfteht man unter der erften eine mehr verftandesgemäße, nüchterne, ausgeglichene,
und unter der zweiten eine mehr gefühlsmäßige, phantaftifcß-nebelhafte, unwirkliche Kunft.
Es handelt fid) alfo h*er um zwei von der unabhängige, und im menfctjlichen
Charakter begründete Kunft- (und damit Lebens-) auffaffungen. An die Antike und an
das Mittelalter denkt man darum, weil diefe beiden Perioden die für die beiden Cen-
denzen charakteriftifchlten CUerke hervorgebrad)t haben, fozufagen deren üypus und
Idee fixiert haben. Das klaffifche wie das romantifche Ideal lebten vor wie nach der
Antike und dem Mittelalter, ße find ewig menfchlich, nur fehen wir in der Antike und
im Mittelalter ihre charakteriftifchfte und bis jefet höchste Verwirklichung in der Kunft
Europas. # *
*
Kunft beruht auf der Cüechfelwirkung von Verftand und Gefühl. tllie das Gefühl in
der Evolution der Verftandesentwicklung vorausgeht (und folgen wird), fo geht auch
die Entwicklung der Kunft vom rein gefühlsmäßigen der Primitiven zum verftandes-
mäßigen. Das Gefühl ift inklufiv, es verwifcht die ünterfchiede, fud)t das üniverfale.

Der Cicerone, XII. Jal)rg., ßeft 18

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