Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Äusftellungen

fo (fcheinbar) grundverfcßiedene Begabungen wie
Oberländer, Kubin, Klee miteinander verbindet.
Hus dem Gefühl kultureller Gemeinfamkeit wäd)ft
eine bei aller Differenzierung gebundene Än-
fchauung der delt.
Man kennt und fd)äßt außerhalb der Stadt,
die allerdings keine fo energifdße propagandi-
ftifcße Publiziftik befißt wie etwa Berlin, nicht
ohne Einwendung diefe Künftler. Ohne 3weifel
befißen Großmann, Klee, Kubin, auch Eberz,
Caspar, fjeine, Seewald Geltung; wenn gleich
man aucß ihnen feßr häufig mit fcßematifdjer
Vorftellung, die nicht immer auf ihrer beften,
jedenfalls nicßt auf ihrer neueren Produktion
fußt, entgegentritt, das von diefen Äusftellungen
in diefem Sinn etwa didttigkeit befißt: Die
Felizitas-Blättchen Caspars; die Balzac-Illuftra-
tionen Kubins; Seewalds Äquarelle und Fjolz-
fd)nitte; die Lithographien Beeßs zu Gottfried
Keller und Strindbergs Inferno; Onolds Feder-
zeichnungen und landfdbaftlicße Äquarelle.
Von einzelnem foll fpäterßin des öfteren die
Rede fein. Fjier genüge der nachdrückliche hin"
weis, daß in der Stadt, der auch wohlwollende
Beurteiler bisweilen nur dekorative Sinnlichkeit
nachzurühmen wiffen, ftarke und höchft eigen-
willige Kräfte am derk find, die, frei von Pathos
undPofe, fruchtbare Ärbeit tun. Kurt Pfifter.
Frankfurter Kunftausftellungen
3ur 3eit ift bei Sch am es eine große Anzahl
von Ölbildern aus den Jahren 1910 bis 1919 des
Lehrers am deimarer Bauhaus Lyonei Fei-
ninger zu fehen. Leider nicht von 3eid)nungen,
während docbFeininger, der frühere Illuftrator der
„Luftigen Blätter“, wefentlich) ein graphifches Ca-
lent ift und die neue Manier des Kubismus ebenfo
nur von der gefchmacklid) dekorativen Seite aus
verarbeitet wie feinerzeit den karikierenden
Plakatftil. Seine „kubiftifcben Stimmungen“ find
Ärrangements, keine Erlebniffe, feine Individua-
lismen bewußte Darbietungen eines Exzentrik.
— Dagegen fticßt natürlich die tiefe Innerlich-
keit Fjeinrid) Campendonks aufs befte ab,
von dem man eine reiche Schau märchenhaft
farbiger Ölgemälde und cbarakteriftifcher Fjolz-
fchnitte bei 3 in gl er fleht. Die in irifierenden
tönen leuchtenden Bilder des jeßt in Sindels-
dorf in Oberbayern lebenden Niederrheinländers
überfteigern alle bloße dirklichkeit durch die
Schönheit ihrer traumhaften Gefichte, die in
ihrem naiven Durcheinanderwirbel von allerlei
realen Gegenftänden oft an einen noch Größeren
erinnern: an den Polen Marc Chagall. — Im
Kunftverein hat IJans Brafd) diesmal eine
große Kollektivausftellung feiner Ärbeiten feit

1914 gebracht, die das mannigfaltige Ringen
und die verfcßiedenartigen Einflüffe, der die
Kunft Brafchs ausgefeßt erfcßeint, von den
Schweizern Max Buri und Fjodler bis zu dem
Cfchechen Kokofcßka, deutlich erkennen laffen.
Fjoffen wir, daß der jugendlich ftrebfame Maler
die energifche Linie einhält, die alle diefe frem-
den Einflüffe zur kraftvollen Perfönlichkeit ver-
fchmilzt. — Bei M. Goldfchmidt & Co. fieht
man das typifcße Mitglied der neuen Berliner
Sezeffion Irma Stern mit in feidigen Cönen
fchwimmenden Landfchaften und Figurenbildern
vertreten, während in dem neu eröffneten Kunft-
falon Stella das dekorativ beachtenswerte Ca-
ient des Offenbachers Karl Friedrich Lipp-
mann intereffante Blumenftücke, Landfchaften
und Figurenbilder, darunter monumental ge-
ftaltete Kriegserlebniffe, uns darbietet.
Friß Fjoeber.
Die böljmifdje Kunftglas-Induftrie
auf der Leipziger Muftermeffe
Äuf der diesjährigen Frühjahrsmuftermeffe zu
Leipzig war die böhmifche Kunftglas-Induftrie
wieder in hervorragender deife vertreten. Rias
hierin geboten wird, mutet wie ein Mufeum an,
wobei nicht nur moderne, fondern vor allem auch
antike Mufter in reicher Äuswahl vorhanden find.
Es ift in der Cat zu verwundern, daß unter den
heutigen, fchwierigen herftellungsverhältniffen
folche Prachtgläfer hergeftellt werden können,
die wohl überall, fo haben die Fjerfteller au(f)
in diefer Branche koloffal unter Material- und
Kohlenmangel zu leiden. Äuch die Ärbeiter-
verhältniffe find äußerft ungünftig, wobei viel-
fach über mangelnden Ärbeitswillen geklagt
wird; ein größerer ÄrbeitsWille würde entfcßieden
der Industrie feßr zuftatten kommen. Selbft
mit dem Arbeiter wird eine Ärt Schleichhandel
getrieben: einer nimmt ihn dem anderen weg.
Äuch die Ärbeitsverhältniffe haben unter den
behördlichen Maßnahmen zu leiden (verkürzte
Arbeitszeit), fo daß die Arbeiter felber erklären:
„was follen wir, wo wir um 5 Ohr aufhören, die
übrige 3eit angeben“. Es ift daher kein dunder,
daß der Arbeiter feinen guten Verdienft haupt-
fäd)lich im dirtsßaus unterbringt. Noch kurz
vor der Meffe verlangten die Glasarbeiter eine
Lohnerhöhung von 100 Prozent, fo daß mancher
von ihnen 500 bis 1500 Kronen wöchentlich ver-
dient. Nur infolge der Bewilligung der hohen
Löhne ift die böhmifche Kunftglas-Induftrie bis-
her von Streiks verfcßont geblieben, infolge-
deffen find natürlich auch die Preife für Kunft-
gläfer außerordentlich geftiegen, fo daß die mitt-
leren und kleineren Orte bei Begebungen faft

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