Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Leffer öry. 3eitungslefer. Lithographie.
Bette aufgefprungen [ei und einige Verfe auf ein Blatt Papier niedergefdjrieben habe,
über deren Vorhandenfein er am kommenden Morgen völlig überrafcht war. Eine un-
fid)tbare Kraft hatte if>n geleitet.
Das wahre Kunftwerk ift das, deffen drfprung einem Erlebniffe entftammt, das fid)
in it)m ausfprid)t und zum Befchauer tjerüberklingt. Nicht fpekulatives Denken und
vorgefaßte Äbficßt, fondern der Furor feelifcßer Aufwallung ift der Pate feiner Ge-
burtsftunde.
Betrachtet man die (derke eines Leffer dry, und [teilt man neben fie den Menfchen,
den einfachen, durchaus unkomplizierten, in mancher Beziehung eigenbrödlerifcßen und
ein einfames Leben führenden Künftler, fo kann man fid) des Gedankens nicht er-
wehren, als fei ßier ein merkwürdiges Doppelfpiel im Gange, das den kleinen, unter-
festen Mann, den ein hartes Scßickfal fcßwer durchrüttelt hat, und der heute nocß als ein
Einfamer dahinwandert, in manchen Stunden fd)öpferifd)en Gebarens in einen 3uftand
erhebt, der in ißm alles zum künftlerifd)en Erlebnis konzentriert und ihn (üerke fcßaffen
läßt, die fiel) dem Befchauer wunderbar offenbaren.
dry ift ftets abfeits vom Klege gegangen. Man hat ihn bisher nur wenig beachtet,
hat ihm jedenfalls nid)t die Anerkennung widerfahren laffen, die anderen in viel
früheren Jahren zuteil geworden ift. Jahrzehntelang hat er unverdroffen gefd)affen
und immer wieder mit zäher Kraft fid) an den Problemen gemeffen, die ihm als die
löfenswerten feiner Kunft erfchienen. dm das, was die anderen fd)ufen, kümmerte er

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