Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Neue Bücher

literatur den großen Vorzug eben jenes Erlebens
im urfprüglicben Sinne. Ift der Schreiber kein
ausgemachter Einfaltspinfel, [o empfindet man
in feinen Schilderungen das prachtvoll belebte
Bild wirklichen Gefcbebens und es kommt eigent-
lich nur auf die 3eit an, in der die Gefchicbte
fich abrollt, um fich von folchen Büchern mehr
oder weniger angezogen zu fühlen. So reich
aber auch diefeÄrt von Literatur fein mag, die
pch fpeziell auf das große Jahrhundert Lud-
wigs XIV. bezieht, ein Buch bat für uns als
Entdeckung im wabrften Sinne des Glortes
einen unvergänglichen Giert, das Fjans R0fe
vor wenigen Monaten neu herausgegeben und
bearbeitet hat. Das „Eagebucb des Fjerrn
von Cbantelou über die Reife des Cava-
liere Bernini nach Frankreich“ (der Eitel
würde, präzifer gefaßt, richtiger lauten „Über
den Hufenthalt Berninis in Paris“) gehört zu
den koftbarften Perlen jener Literatur aus dem
„grand siede“ und dem Verlag von F. Bruck-
mann H. G.-Müncben gebührt für die Fjeraus-
gabe diefes Gagebucbes, deffen fcböne Ausftat-
tung außerdem befonderes Lob verdient, unfer
aller Dank.
Der Kunftgelebrte weiß, daß Bernini im Jahre
1665 nach Paris berufen wurde, um den Gm-
und Neubau des Louvre zu leiten. Bei jener
Gelegenheit entftand außerdem die berühmte
Marmorbüfte des jungen Königs, die man noch
immer in Verfailles bewundern kann. Cbantelou,
ein Edelmann, der feine Erziehung in der Nähe
Mazarins erfahren, vielfeitig gebildet, als Mäzen
Pouffins bekannt und als einer der wenigen
Franzofen mit der großen Kunft Italiens feiner
3eit vertraut, wurde vom König felbft als ftän-
diger Begleiter dem berühmten italienifcben Bild-
hauer und Hrcbitekten Bernini während feines
Aufenthaltes in Frankreich attacbiert. Er hat
fein Eagebucb mehr als Protokoll denn als Buch
gefcbrieben. Aber gerade deshalb ift es in der
Ereue der Bericbterftattung von unvergleich-
lichem Giert und die wichtigfte Ergänzung zu
jener 1682 erftmalig in Florenz erfd)ienenen
Biographie Berninis aus der Feder Baldinuccis,
die Alois Riegl 1912 mit kritifcbem Kommentar
neu herausgegeben hat. Gier aber den Men-
fcben und Künftler Bernini kennenlernen will,
wird fich fortan bei Cbantelou Rats holen
müffen, deffen Eagebucb ein Stück lebendigfter
Gefcbicbte, ein knapp umfcbriebener Abriß der
Gefinnung der damaligen Menfchheit ift, die den
Glendepunkt eines neuen 3eitalters markiert.
Der allmächtige Jean Baptifte Colbert hat gerade
die Intendanz des kgl. Bauwefens übernommen
und neben ihm empfinden wir Ludwig XIV. als

einen Menfcben von eigenkünftlerifcber und faft
genialer Begabung. Frankreich aber, das kurz
nachher einem dumpfen Macbtinftinkt und der
Frivolität einer leichtlebigen Gefellfcbaft zu er-
liegen beginnt, fpiegelt fich iui Glanz feiner alles
überragenden geiftigen und politifcben Glelt-
machtftellung. — Überflüffig beinahe, daneben
zu erwäben, daß dies Buch außerdem die wich-
tigfte Quelle für die Baugefchichte des Louvre
ift, daß — wenn auch Bernini zum Schluß fcßwer
enttäufcht nach Frankreich beimkebrte, weil feine
Projekte unausgeführt bleiben — troljdem der
Einblick, den man hier in die Glerkftatt eines
großen Schöpfers tut, feinen menfcbbeitsge-
fchichtlichen Giert behält. — Über die befondere
Kunftanfchauung der Epoche hinaus ift gerade
dies Glerk auch für denKünftler unfererEage
ungemein wertvoll und anziehend; denn es ent-
hält für Architekten und Bildhauer an all-
gemeinen Lehren foviel des Bedeutfamen, daß
keiner diefer Lefer das Buch ohne innerliche Be-
reicherung aus der Fjand zu legen vermag.
Es müßte fcbließlid) noch dem Bearbeiter felbft
ein volles Maß der Anerkennung gezollt werden
für die Solidität feiner Leiftung, die befondere
Art der ftiliftifchen Durchformung und die Inter-
pretation des Eextes. Er mag fich Genüge fein
laffen an der lebten Feftftellung, daß die durch
ihn getätigte fcböne Entdeckung ficber Fjunderten
von Lefern den gleichen Genuß bereiten wird
wie dem Schreiber diefer 3eilen. Denn dies Glerk
des Fjerrn Cbantelou über den Cavaliere Bernini
ift noch heute nach zweieinhalb Jahrhunderten
lebendigftes 3eitgefcbeben und in mehr als einem
Punkte ein unvergängliches Gleichnis auf unfer
eigenes Glollen. G. B.
Die Kunft in diefem Äugenblick
lautet der Eitel einer kleinen Schrift, die Gl i 1 -
heim Fjaufenftein foeben im Fjyperion-
Verlag, München veröffentlicht. Die Arbeit
war zuerft als Auffatj im „Neuen Merkur“ er-
fd)ienen. Die Eendenz des Effays ift etwa fol-
gende: Der Expreffionismus ift tot, ift die Kata-
ftropbe der Kataftropbe geworden, weil er mehr
wollte, als er vermochte. Fjaufenftein glaubt
die Gründe für den angeblich rafcben Verfall
des Expreffionismus klarlegen zu können. Die
einzige Rettung aus dem gegenwärtigen 3uftand
unferer Kunft fcbeint ihm die Rückkehr zur
Natur. — So fehr wir die geiftvolle Art unferes
verehrten Mitarbeiters fonft auch fcbäljen, diefer
Fjaufenfteinfcben Ehefe kann nicht fcbarf genug
widerfprocben werden. Denn der Verfaffer ver-
kennt vollkommen die geiftigen Vorausfeljungen,
aus denen heraus fich der große ümformungs-

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