Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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faltige Lafterßaftigkeit drängt [ich in diefer widerlichen Grimaffe zufammen, die ein jeder
Philifterfeind nicht einmal, [ondern dußendmal am Gage fcßon irgendwo, am Stammti[ch oder
beim Skat [ißend, durch das Äuge [eines Geiftes gefehen hat. (Hie hier eine gewiffe Verwandt-
fctjaft Münchs mit Daumier auftaucht, fo weifen [eine phantaftifchen Blätter auf Scßongauer
hin, mit dem ihn der überquellende Reichtum an abfonderlichen Formen verbindet.
Dann gibt es aber auch noch in Münchs Kunft eine Gattung Grotesken, in denen
[eine Individualität ungemein reizvolle Schöpfungen bietet. Es ift die lyrifcße Groteske.
Irgendeine Märchenftimmung dient ihr zumeift als Vorwurf. Die einfach komponierte,
monumental wirkende Landfcßaft wird mit Mufik erfüllt, und diefes geheimnisvolle
Klingen wird durch ein groteskes (Hefen mit weichem lyrifcßen Gehalt zum Ausdruck
gebracht. 3U diefen Stimmungsblättern gehört das Fjerbftlied. Ift nicht der [ingende
Märchenvogel auf dem entblätterten Baum, deffen 3weige mit dem Gefieder des [ebe-
nen Gaftes ineinanderfchwingen, inmitten diefer kalten herbfttoten Umgebung [elbft
ein verkörpertes fchwermütiges Bild? Muß man nicht an Lenaus Verfe dabei denken:
„Und der Baum im Hbendwind
Läßt [ein Laub zu Boden wallen,
(Hie ein fchlafergriffnes Kind
Läßt [ein buntes Spielzeug fallen. —
Fjier ift all mein Erdenleid
(üie ein trüber Duft zerfloffen;
Süße Codesmüdigkeit
Fjält die Seele ßier umfcßloffen.“
Das feine mufikalifche Gefühl, das [ich befonders bei den Landfcßaften in dem
großen rhythmifcßen Schwünge auswirkt — man denke nur an Münchs Landfcßafts-
radierungen „Fjeilige Erde“ oder „Flug in die Fjeimat“ — und der meifterlid) getreue
Realismus, der den ehemaligen Ehomafchüler deutlich erkennen läßt, find die beiden
wefentlicßen Grundzüge der Müncßfcßen Kunft. Unermüdlicher Fleiß und unabläffige
Studien haben ihm allmählich eine (Technik verliehen, deren Sicherheit verblüfft. Jedes
Einzelne ift auf das Peinlichfte durchgeführt, aber dabei leidet nie der große 3ufammen-
ßang. Das zeigen uns [o recht die „Geborgenen“, die in kompofitorifcher Fjinficht von
einer unübertrefflichen Gefchloffenheit find. (Holken, Bäume, Gartenzaun, Pfüße, (Heg,
jeder Grashalm hat [ein eigenes Leben und doch fügen [ie [ich alle harmonifcl) in das
Ganze ein. Das gleiche gilt vom „Fjerbftlied“.
Münchs (Herdegang hat in vielen 3ügen große Ähnlichkeit mit dem unferer alten
Meifter. (Hie jene, begann er mit dem Fjandwerk — dem Kunftgewerbe —, um dann
einen feften Boden unter den Füßen, nicht draufgängerifd), [ondern mit kluger Bedacßt-
[amkeit zu neuen fielen fortzufchreiten und [ich an immer [chwierigere Aufgaben zu
wagen. (Hie jene [pürt er Ehrfurcht vor der (Tradition, verwirft er nicht die Kunft-
anfchauung der Altvordern, [ondern benußt [ie vielmehr als Fundament und baut auf
ihr weiter, ohne daß er dabei [eine Individualität preisgibt. Unfcßwer erkennt man die
Linie, die von ißm über Bößle und EFioma, bis auf Fjolbein, Scßongauer und Dürer
zurückfüßrt. Und doch wird man niemals [agen können, daß er in der Eradition
[tecken geblieben [ei. Es weßt der FjaucF) neuer 3eit aus feiner Kunft, zwar nicht
jener, der unruhig, zitternd, atemlos, die Nervofität der hantigen Menfcßheit andeutet,
aber woßl jener andere, der von der Sehnfucßt nach Schönheit, Form und Farben-
reichtum und von der Liebe zum Geiftigen kommt. Aus diefer Eigenfcßaft ßießt ißre
(Uirkung, die ebenfo zum Fjerzen wie zum Äuge [pricßt.

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