Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

Page: 207
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cicerone1920/0229
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Kunftpolitik

gierung würde ihre eigenften Grundfätje
verleugnen, wenn fie eine beftimmte
Klaffe von Staatsbürgern außerhalb des
fo’nft von ißr anerkannten bürgerlichen
Rechts ftellen wollte. Es find ethifche
Momente von höchfter Bedeutung und
nicht zu unterfd) äsender öüerbekraft,
welche dazu zwingen, auch hier eine
Verftändigung zu fuchen.
II.
Huch beim Abfchluß eines Vergleichs fallen
zugunften des Staates die politifchen Verhältniffe
ftark ins Gewicht. In der Cat ift der jeljt von
der Regierung vorgelegte Vergleich wefentlich
ungünftiger für das betroffene Fjerrfcherhaus als
z. B. jener dem gefangenen Kurfürften von Fjeffen
diktierte Stettiner Vertrag von 1866.
Die beiden Parteien haben fich vor allem da-
hin geeinigt, daß „organifch 3ufammenhängendes
nicht nutzlos zerftört wird und vierte von über-
wiegend künftlerifcher und hiftorifcher Bedeutung
unverfehrt erhalten werden“. Das Königshaus
verzichtet infolgedeffen auch auf alles Privat-
eigentum, foweit es ein wefentliches 3ubehör
der dem Staat zufallenden Schlöffer, Gärten,
Cheater ufw. ift.
Über den ümfang und den ttlert der Grund-
ftücke und Mobilien, deren fich das Königshaus
unter diefem Gefichtspunkt entäußert, h^rrfchen
vielfach unvollkommene Vorftellungen. Es wird
unbekannt fein, daß z. B. — um nur einige größere
Objekte zu nennen — der ganze Park Charlotten-
hof, die Orangerie in Sansfouci, Schloß und Park
in Oranienburg, ein großer Ceil des Parks Char-
lottenhof, das Eckgrundftück tüilhelmplatj j ttlil-
helmftraße, die beiden Cheatergrundftücke an
der Stadtbahn und das Krollfche Etabliffement
Privateigentum waren. 3ief)t man den Fundus
in den beiden Berliner Cheatern, in Fjannover,
Kaffel, Cüiesbaden mit in Betracht, fo find das
bereits Lüerte von mehr als 100 Millionen.
Lüeit wertvoller und wichtiger für die Allge-
meinheit find die Kunftwerke und kunftgewerk-
lichen Gegenftände in den Schlöffern und in den
Mufeen. Lüie weit in den Mufeen der Privat-
befilj des Königshaufes geht, foll im einzelnen
nicht dargelegt werden.
Aber man ftelle fich nur vor, daß Sansfouci
ausgeräumt, der Park Charlottenhof bebaut
würde, daß die Prunkmöbel des Neuen Palais
zur Auktion wanderten, daß das Eofanderfche
Silberbüfett im Berliner Schloß oder die Perlen
unferer Mufeen an Amerikaner verkauft würden,
dann wird man begreifen, welche beifpiellofe
Verarmung unferem kulturellen Leben bevor-

ftände, wenn es nicht gelungen wäre, hier zu
einer Einigung zu kommen. Es fei noch ein-
mal betont: kein deutfches Gericht könnte das
Königshaus an einem Verkauf der von ihm ge-
fammelten Kunftwerke hindern. Kunftwerke find
heutzutage mit die gangbarften internationalen
Lüerte; daß ein Entgelt vom Könighaus bean-
fprudjt wird, ift natürlich.
In Mecklenburg liegen die Verhältnijje ähnlich
wie in Preußen; dort ift das gefamte Schweriner
Mufeum Privateigentum des früheren Groß-
herzogs. Der Staat zahlt tro§ fehr mäßiger
Schätzung für die Sammlungen die für Mecklen-
burg beträchtliche Summe von 9 Millionen Mark,
davon 51/2 Millionen Mark in mäßig einge-
fchätjten Grundftücken, alfo in Goldmark. Dazu
kommt die Rentenabfindung mit 6 Millionen Mark.
Im ganzen ergibt fich für den mecklenburgifchen
Staat eine Leiftung von etwa 10 Millionen Mark
heutigen Kurfes und 51lz Millionen Mark Gold-
mark, und alles dies vorwiegend im Intereffe
der Erhaltung kultureller Lüerte.
In Preußen handelt es fich bei den Kunftwerten,
deren Verluft für den Staat auf dem Spiele fteht,
bei dem heutigen Geldwert um etwa das hun-
dertfache von 9 Millionen. Allein für zwei der
beften Bilder von Lüatteau (der Staat erhält
deren drei) lagen bereits im Frieden Gebote von
reichlich 1 Million Dollar vor; das find jetjt rund
100 Millionen Mark. Bedenkt man, daß außer-
dem feitens des Königshaufes eine Reihe von
hochwertigen Grundftücken abgegeben werden;
daß ferner auf die Rentenablöfung verzichtet
wird, wenn die Entfd)ädigung für die Grund-
ftücke und Kunftwerke erfolgt, daß endlich die
100 Millionen Mark, welche als Gegenleiftung
des Staates gedacht find, ausfchließlich mit dem
heutigen geringen Geldwerte zur Verrechnung
kommen, fo muß man die Leiftung des preußi-
fchen Staates als geringfügig bezeichnen. 3war
wird der Staat die übereigneten Lüerte — bis
auf eine Reihe von Grundftücken — vernünftiger-
weife nicht in Geld umfetjen. Die mittelbaren
Erträgniffe aber der Kunftftätten, die fich z. B.
aus dem Ausländerverkehr oder aus der viel-
fältigen Befruchtung der Kunft- und Qualitäts-
induftrien ergeben, fpielen feit langem in der
Volkswirtfchaft anderer armer Länder eine be-
deutende Rolle und werden auch bei uns künftig
in Betracht gezogen werden müffen. Der Staat
leiftet mithin nicht eine „Abfindung für irgend-
ein imaginäres Recht“, fondern er erhält voll-
wichtige und mittelbar oder unmittelbar zins-
tragende Gegenwerte. Nur der kann fie als
unerheblich bezeichnen, für den der Begriff Kultur
ein leerer Lüafm ift.

207
loading ...