Compte rendu de la Commission Impériale Archéologique: pour l'année ..: Pour l'année 1877 — 1880

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dann, dass ihn der Gott, indem dieser durch den ihm gewâhrten Weingenuss zu-
gleich die in ihm glûhende Liebes-Flamme noch vermehrt habe, in doppelter Weise
an sich gezogen habe. Nur darûber beklagt er sich, dass er, da der Weingenuss
bekanntlich geschwâtzig zu machen pflegt, mm, wie er furchtet, auch seine Liebes-
Geheimnisse werde ausplaudern mQssen. Die Psyché des Cameo's aber, die eben
von einem Eros an den Handen gefesselt und von einem zweiten mit Stockschlagen
bedroht wird, kônnte demnach dem daneben sitzenden Dionysos in Betreff der in
ihr durch Weingenuss'erregten Liebes-Flamme nur desshalb Vorwurfe machen. weil
sie sich bereits von Eros in gewôhnlicher Weise betrogen sehe und statt der ge-
hofften Beglûekung nur bittere Qualen von ihm erleiden musse.

Wir fassen also das bisher Gewonnene nochmals kurz zusammen, indem wir
uns erinnern, dass sich die erste fur uns nachweisbare Spur einer Gleichsetzurig der
menschlichen ^uyri mit dem Schmetterling in einem Epigramm des Meleager findet
und dass dieselbe Vorstellung môglicher Weise auch noch einem zweiten Epigramm
desselben Dichters zu Grunde liegen kann. Ob Meleager selbst diesen Gedanken
erfunden oder ob er ihn von einem Anderen entlehnt hat, kônnen wir natûrlich gar
nicht wissen; wohl aber das, dass, selbst wenn das Letztere der Fall sein sol lté,
dièse Vorstellung von der Form der menschlichen Seele jedenfalls nur kurze Zeit
friiher zum ersten Mal an die Stelle der durch althergebrachte Gewohnheit gehei-
ligten Vorstellungs-Weise gesetzt worden sein kann.

Zunâchst wird dieser Gedanke natûrlich nur als Product der dichterischen Phan-
tasie, dem jeder Glaube an seine Wahrheit fehlte, ausgesprochen worden sein. Allein
allmahlig verbreitete er sich offenbar auch in weitere Kreise, die sich jedoch fast
ganzlich auf die der Kiinstler und Kunstliebhaber beschrankt zu haben scheinen,
und im Zusammenhang hiermit scheint ihm allmahlig auch ein gewisser Glaube an
seine Wahrheit zu Theil geworden zu sein. Dafûr bûrgt uns die grosse Zabi uns
erhaltener Kunstwerke, in denen er unzweideutig ausgesprochen vorliegt, und wenn
sich auch keins darunter findet, welches uns berechtigen kônnte, seine Verfertigung
noch bis ïïber den Anfang unserer Zeitrechnung zurûckzuversetzen, wâhrend bei Wei-
tem die meisten eine solche Annahme gar nicht zulassen wûrden, so liegt doch ande-
rer Seits auch kein Grund vor daran zu zweifeln, dass sich die Kunst schon bald nach
dem von Meleager gegebenen ersten Anstoss des Gedankens bemiichtigt haben werde.
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