Dehio, Georg ; Bezold, Gustav von
Die kirchliche Baukunst des Abendlandes (Band 2) — Stuttgart, 1901

Seite: 257
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Viertes Kapitel: Deutschland und die Nachbarländer.

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Die erste Stufe.

Sie ist in den sogenannten Uebergangsstil eingeschlossen. Anders
als die Engländer, haben die Deutschen als das Wesentliche am neuen
Stil sogleich das Konstruktive erkannt. Aber sie konnten für ihre
eigenen Zwecke dieses System als Ganzes nicht gebrauchen, behan-
delten es vielmehr als Fundgrube einzelner Hilfsmittel zu beliebigem
Gebrauch. Die damit ausgestatteten Gebäude sind nach ihrem allge-
meinen Kunstgehalte romanisch, weshalb wir sie dem vorigen Buche
zugewiesen haben. Hier wollen wir nur in einem kurzen Rückblick
die gotischen Lehnformen zusammenstellen.

Wir beginnen mit dem Wichtigsten, den Kreuzrippen. Am
frühesten nachzuweisen sind sie in der im ganzen recht konservativen
Kunst des Elsass — ein Wink für ihre Herkunft aus dem Westen.
Die Vierung vor dem Chor der Klosterkirche Murbach, im Grundriss
oblong, hat selbständig gemauerte Diagonalrippen ohne Schlussstein
von jener primitiven Art, die zu Anfang des 12. Jahrhunderts in den
verschiedensten Teilen Frankreichs vorkommt, im Norden aber um
1125 überwunden ist (vgl. Bd. I, S. 421). Dieses Gewölbe kann nicht
genauer datiert werden, doch ist es jedenfalls älter als Ii 50. Um
1150 entstanden die Gewölbe von S. Johann bei Zabern mit schwer-
fälligem Wulstprofil und schmucklosem kreuzförmigem Schlussstein.
Etwas jünger in Rosheini und um c. 1175 schon im ganzen Lande
verbreitet. Weiter rheinabwärts sind uns Kreuzrippen von gleich
hohem Alter nicht bekannt. Den um 1170 erneuerten Gewölben des
Speierer Doms fehlen sie, und ob sie in Worms schon bei dem Weihe-
akt von 1181 ausgeführt waren, ist mindestens zweifelhaft; ihre bereits
lebhaft gegliederten Profile, während die Gurtbogen romanisch schlicht
blieben, weisen unzweideutig auf französisch geschulte Arbeiter. Aber
von 1200 ab haben die Kreuzrippen am ganzen Laufe des Rheins schnelle
Verbreitung gefunden. Zu bemerken ist dabei, dass sie nur den einen
Zweck verfolgen, die Gewölbegrate zu verstärken; der Hauptzweck
der gotischen Rippenkonstruktion, die Isolierung des Drucks auf die
Eckpunkte, ist nicht weiter verfolgt. In Westfalen und am Nieder-
rhein ist die Funktion häufig sogar eine bloss dekorative.

Entlastung der Schild wand durch einen kräftigen Bogen findet
sich früh; ohne Diagonalrippen in Speier und selbst noch in Heister-
bach, mit solchen in Worms, Ellwangen u. a. m. Im allgemeinen
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