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Deussen, Paul
Mein Leben — Leipzig, 1922

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https://doi.org/10.11588/diglit.9540#0338
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332

Wetter nicht vorwärtszukommen." Endlich nach vier Nächten
langten wir beim Tower m Lcmdon an und ich begab mich
sofort in ein befreundetes Haus, wo mich ein Telegramm von
Diotima erwartete. Sie bewohnte mit der Familie Mond einen
für die Sommerzeit gemieteten herrschaftlichen Landsitz, Holme-
W0od-Castle, mit grohem Park, eine Stunde von Tunbridge-
Wells. Sie bot mir an, mich in London zu besuchen, ich aber kam
ihr zuvor, reiste nach Tunbridge-Wells und verbrachte in der
herrlichen Landschaft mit ihr einige höchst angenehme Tage.
Dann ritz ich mich mit dem Versprechen, die Familie später in
London wieder zu treffen, los, suhr nach Lhester, um in der
Umgegend von Llandodno und Bungor mit Professor Arnold
einige Spaziergänge zu muchen. Den 10. Oktober benutzte ich,
um, von Arnold mit gutem Rate wohlversehen, den Snowdon,
diesen höchsten Berg Englands, zu besteigen. In vierstündiger,
überaus mühsamer Wanderung durch die ganz menschenleere
Gegend auf wenig gebahnten Wegen, vorüber an Abgründen
links und rechts, erreichte ich, während unheimliche Nebelgespenster
hin und wieder vorüberhuschten, endlich den Eipfel und trat, nach-
dem ich mich, erschöpft wie ich war, in dem zum Glück noch nicht
geschlossenen Hotel durch verschiedene Beefteas und Whiskys
erholt hatte, ins Freie, um mich umzusehen, und hier wurde mir
ein unvergeßlicher Anblick zuteil: über mir strahlende Sonne und
wolkenloser Himmel, in welchem einige Berggipfel wie Inseln
emporragten, und unter mir, so weit das Auge reicht, von der
Sonne herrlich beglänzt, ein Wolkenmeer, in welchem die Umrisse
von Fluhtälern, Hügeln und Seen sich deutlich abzeichneten. Zum
Glück fuhr an diesem Tage gerade noch zum letzten Male die
Bergbahn nach unten und so erreichte ich wohlbehalten meine
lieben Arnolds in Bangor und von dort aus London, um noch
mehrere Tage als Gast Diotimas und der Familie Mond dort
zu weilen. Eine lange gehegte Sehnsucht wurde durch Diotimas
Güte erfüllt, indem sie mit mir Stratford-on-Avon, die Geburts-
stadt Shakespeares mit der Kirche, die sein Erab einschlietzt, dem
Geburtshause und der Anne-Hathaway-Cottage, besuchte, wobei der
Haupteindruck auf mich der der Verwunderung war, wie ein so
großer, weltumfassender Genius seine Jugendjahre in einem
 
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