Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 19.1906-1907

Page: 162
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/dkd1906_1907/0168
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
__.__s

—~--■-■ i . .---- Wer

FRANZ LEBISCH—WIEN. Entwurf.

künstlerischen Traditionen des regelmäßigen
Gartens, wenn auch mit neuer Auffassung, zurück-
gekehrt ist. Indessen ist in den kleinen, länd-
lichen Hausgärten die regelmäßige Anlage seit
Alters her unzerstört erhalten geblieben. Es ist
ein unwandelbares Gesetz, daß der Garten mit
dem Hause eine organische Einheit bildet. Er
ist ein Gebilde, das in der Natur nirgends vor-
kommt, als am menschlichen Hause. Seine
Physiognomie wird von den Bedürfnissen be-
stimmt, die seit Menschengedenken ziemlich
unverändert geblieben sind. Das Bedürfnis, vor
dem Hause zu wandeln, in schattigen Pflanzungen,
Laubgängen, Pergolas sich zu ergehen, sich an
der farbigen Buntheit der Blumen zu erfreuen,
aus Brunnen und Teichen nicht nur Kühlung,
sondern auch ästhetische Werte zu gewinnen,
in den Pflanzungen schöne Plastiken aufzustellen
und in diesen oder ähnlichen Symbolen, den
Gottheiten als Personifikation der Naturmächte
zu dienen, und endlich die selbstverständliche
Notwendigkeit, direkte und bequeme Verbindungs-
wege oder Wandelgänge anzulegen, war seit
jeher gegeben. Aus diesen gegebenen Forderungen
ist die Tektonik des schönen Gartens entstanden,

162

die zu allen Zeiten für die Gartenkunst ver-
bindlich war, wenn auch im Einzelnen und
Unwesentlichen die Lebensgewohnheiten ver-
schiedener Völker in verschiedenen Zeiten gering-
fügige Abweichungen hervorgebracht haben. Das
Beispiel eines regelmäßigen, stilistischen Gartens,
das uns am nächsten liegt und dennoch auf
uralten künstlerischen Überlieferungen beruht, ist
der barocke Garten. Eine leichte Phantasie
half, die architektonischen Bestandteile des
Gartens in der Formensprache der damaligen
Zeit plastisch zu gestalten. Abgesehen von
mancher Gespreiztheit und übertriebener Geziert-
heit, die der damaligen aristokratischen Etikette
entsprach, überliefern diese Gärten alle Elemente,
die der modernen Gartenkunst als Ausgangspunkt
dienen. Aus dem unerschöpflichen Brunnen der
alten Kunst ist die wesentlichste Wahrheit zu
Tage zu fördern, daß der Garten eine archi-
tektonische Einheit darstellt. Die künftige Garten-
kunst wird dieses künstlerische Gesetz wieder als
Grundsatz aufstellen. Es wird wie einst als
heimliches Licht das Antlitz schöner Gärten
verklären. Die Entwürfe, auf die ich hinweise,
sind von diesem tektonischen Gewissen erfüllt.
loading ...