Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 44.1919

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Hans Thomas Zeichnungen.

nenschein" (1869) und „Gesang im Grünen"
(1875) den landschäftlichen Rahmen bieten).
Bisweilen ruhen die Studien jahrelang in den
Mappen und Skizzenbüchern, bis sie das äußere
oder innere Auge des Künstlers wieder findet
und gestaltet. So sind manche der Bilder der
bereits auf der ersten italienischen Reise ent-
standenen Zeichnungen erst nach der zweiten
Fahrt vollendet worden. Bei anderen erstreckt
sich die Bildwerdung auf noch größere Zeit-

spannen ; und noch heute entstehen malerische
Leistungen, deren ursprüngliche Idee in irgend
einer kleinen Zeichnung früherer Jahrzehnte
fixiert war. — So sind Thomas Zeichnungen
ein dauernder Begleitakkord zu der reichen
Zahl seiner Bildschöpfungen. Vieles davon
gehört zu dem Stärksten und Bedeutendsten,
was die neuere deutsche Kunst geschaffen hat.
Wir erkennen in ihm den Nachfahren der großen
deutschen Künstlerreihe !......w. f. storck.

DIE „FREIEN

von ed. v. I

Jetzt, wo man an die Neuregelung des künst-
lerischen Erziehungswesens geht, ist die
Frage nach der Stellung der sogenannten „ freien "
Künste, Malerei und Plastik, von eminent prak-
tischer Bedeutung geworden. Denn ist es
wirklich richtig, daß die eigentliche Bestimmung
des Gemäldes (und auch der Plastik) darin
besteht, Schmuck der Gebäude und Wohnungen
zu sein, wie es Alexander v. Gleichen-Ruß wurm
vor kurzem in diesen Blättern forderte, ist
es wirklich eine Verirrung, wenn die Malerei
„ eigene Probleme von Selbstherrlichkeit sucht",
so täten die Kunstschulen nur recht, wenn sie
sich bei der Ausbildung der jungen Künstler
ganz von diesem Gesichtspunkt leiten ließen.

Gewiß würde viel Gutes damit erreicht
werden: das überflüssige Bildermalen würde
aufhören, und manche wertvolle Begabung
würde in den Dienst einer größeren Sache
gestellt werden; jedes Bild würde in Zukunft
seinen vorherbestimmten Platz haben und den
Gebäuden und Wohnungen ihre letzte künst-
lerische Ergänzung geben.

Aber ist damit wirklich der Sinn der Malerei,
der Plastik erfüllt? Ist es wirklich nur Egoismus,
wenn sich fast alle „freien" Künstler mit Ent-
schiedenheit gegen eine solche Unterordnung
ihrer Kunst verwahren, wenn sie beteuern,
daß ihre Werke mehr sein wollen, als bloße
Dekorationsstücke? Zweifellos wäre es besser,
die mittelmäßigen Künstler beschieden sich
damit, guteDekorateure zu sein — ihre Arbeiten
erfüllten dann wenigstens einen Zweck, hätten
wenigstens eine brauchbare Bestimmung —
aber es liegt doch auch in ihnen das Streben,
jenes höhere Ziel zu erreichen, von dem sie
wissen. Dieses Höhere ist eine dem Bilde selbst,
der durch den Rahmen begrenzten Einheit,
innewohnende Kraft, die uns von sich aus er-
greift und nichts mit der Umgebung, mit dem
Jenseits des Rahmens zu tun hat. Es ist
dies, was jedem großen Werk der Malerei oder
Plastik seine vollständige Unabhängigkeit gibt

KÜNSTLER.

indemann.

und es von den übrigen Dingen loslöst. Gerade
dies ganz Individuelle, Eigenlebendige, ist sein
Wertvollstes und das Zeichen der Freiheit.

Trotz dieser Vollkommenheit in sich aber
braucht das freie Kunstwerk keineswegs im
Widerspruch zu seiner Umgebung zu stehen;
denn es ist ja nicht ohne rein formale, dekorative
Reize. Auch ohne daß der Zusammenhang mit
der Architektur absichtlich gesucht wird, wird
es sich mit seiner Umgebung zu einer Einheit
zusammenfinden, vorausgesetzt daß beide dem
gleichen künstlerischen Zeitgeist entsprungen
sind. Aber damit sich das Bild dem Ganzen ein-
ordne, braucht man diesen gemeinsamen Geist
nicht künstlich zu züchten, braucht ihn nicht in
allen Einzelformen auszuprägen. Als gemein-
same Art des Sehens, die der letzte Grund jeder
Stilbildung ist, ist er in jeder Epoche da. Ist
er nicht sogar auch in den Zeiten künstlerischen
Niedergangs vorhanden gewesen? Sehen wir ihn
nicht selbst in dem berüchtigten Makartstil?

Diejenigen aber, die diesen Zeitstil, diese
gemeinsame Art zu sehen, am entscheidendsten
bestimmen, sind gerade die „freien" Künstler.
Sie sind die Neuschöpfer, deren Formauffassung
mittelbar oder unmittelbar auch bis in die
kleinsten Erzeugnisse des Kunstgewerbes hinein
befruchtend wirkt; sie sind die ersten Verkünder
des Formwillens einer Zeit. Dürer beherrscht
die ganze deutsche Renaissancekunst, Michel-
angelo war der Vater des Barock, der Stilum-
schwung um 1800 war das Werk Davids, der
Naturalismus der folgenden Zeit wiederum, der
bis in das Kunstgewerbe hinein zu spüren war,
ging von Malern aus. Die Wirkung der Präraffae-
liten, das Vorbild Beardsleys, ist jetzt noch im
Kunsthandwerk lebendig; auch der Japanismus
wurde zuerst von Malern aufgebracht. Die heu-
tigen Bestrebungen nach tektonischer Klarheit,
Einfachheit und Strenge des Stiles wird man in
der neoklassizistischen Schule, bei Puvis de Cha-
vannes, M. Denis, Majol, vorgebildet finden. Die
einfachen Flächen, die reinen Farben eines
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