Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 56.1925

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.FORM IST ALLES!"

In Zeiten, da wir es dazu hatten, hieß es „Ma-
terial ist alles " und ohne Edelhölzer, Marmor,
Bronze und Kristall glaubte man nicht auskom-
men zu können. Dieser Snobismus einer mate-
rialistischen Kulturepoche wird durch Kauf-
manns „Oper am Königsplatz" Lügen gestraft.
Denn dem Näherschauenden entpuppt sich z. B.
das vermeintliche Mahagoni und Nußbaum als
gebeiztes und technisch vorzüglich verarbeitetes
Kiefernholz. Aus der Not ward eine Tugend
gemacht, die die künstlerische Phantasie umso-
mehr anspornte, da die Bequemlichkeit fertiger
Materialwirkungen fortfiel. „Form ist alles"
mußte es hier heißen. Unedles Material gibt
es für den Künstler nicht. Der Formwille über-
windet jede Materie und vermag auch das Bil-
ligste zu adeln. Dies zeigt sich am sinnfälligsten
an den Beleuchtungskörpern und Lüstern, die
die Wandelgänge schmücken. Hier hat künst-
lerische Phantasie Formen geschaffen, deren

geistreiche Koketterie über die Billigkeit des
Materials triumphiert und von festlicher Wir-
kung ist. In Zeiten des Überflusses und der
Materialschwelgerei hätte man kaum den Mut
zu solcher Unabhängigkeit gefunden. Allerdings
gehört dazu die innere Freiheit einer leicht spie-
lenden Phantasie, die alles zu formen weiß; jene
männliche Anmut, die dem Kind im Manne ent-
stammt und an jeder Banalität vorbei Witz,
Würde und Selbstverständlichkeit aus allem er-
strahlen läßt, das ihrer Schöpferlust entspringt.

Wir dürfen so die Festlichkeit dieses Hauses
reinen Gewissens genießen und müssen es seinen
Schöpfern danken, daß sie der Not unserer Zeit
eine Lehre gaben, wie man es trotz alledem
machen kann, unsere Umwelt zu schmücken.
Gerade die Aufnahmelust und die Schaubereit-
schaft wird hier all denen befriedigt, die den
schönen Schein im Dasein so wichtig halten,
wie ihr täglich Brot.......Friedrich pütz.

»oper am königsplatz« berlin • aufgang zum parkett.
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