Fliegende Blätter — 6.1847 (Nr. 121-144)

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Sultan.

und Strafe, wo immer ich ihn träfe, sonst aber auch erfüllte
' mich großer Zorn und Hohn gegen die ganze Welt, weil ich
i an keine Treue mehr glauben konnte. Und wißt Ihr, hoher
! Herr, an wem das ausging? An Euch selbst —! Denn da
mir Alles zuwider war, so wart Ihr mir, mit Verlaub, auch
in der Seele zuwider, und da 's zum Hackeln kam, war ich
dabei, und that so viel Böse-, als mir zu Paß kam, im vollen
Ingrimm meiner Seele, Gott verzeih' mir's! Aber das bleibt
wahr, ich bin minder schuld — der Lothringer hat mich ganz
verbittert —!"

Da ward der Herzog sehr ausgebracht und sagte: „Ei hätte
ich das gewußt. Traun, nicht so lang hätt' ich ihn ruhig
Hausen kaffen! Sicher ist er'S auch, der, wie mir berichtet
ward, auf die Jungfrauen hie zu München so scharfe Jagd
gethan und gestern in meiner eigenen Hofburg des Löwen-
wänerS Schwester einen Kuß entreißen wollte."

„Ja sicher war's kein Anderer," rief der Graf, „das ist
so ganz sein rechtes Wesen, ich müßt' ihn ja nicht kennen! —
Ich seh' ihn noch immer lausen mit seinem rothen Sammt-
mäntelein —"

„Was sagt Ihr, Gras," fiel Albertus ein — „ein rotheS
Mäntelein? DaS trifft ja ganz mit meiner Leute Aussag'
überein! Nur EinS ist anders — als ich gestern einen Diener
zu ihm schickte, saß er im Lehnstuhl und klagte, wie er schon
den ganzen Tag ein starkes Fieber habe und aus der Brust
sehl's ihm sehr — aber da mag er wohl gelogen haben —"

„Ganz gewiß hat er gelogen," sagte der Gras, „denn das
Lügen ist seine Herzensfreude und mit dem Kranksein ist er
i auch gleich bei der Hand, um das Alibi zu beweisen!"

„Tretet hier in das Gemach," sprach Albertus und kommt
heraus, wenn ich Euch rufe. Ich will dem Herrn Lothringer
harte Fragen vorlegen.

Er zog die Glocke. „Laßt den Meister Talamont herein,"
war sein Wort. Dann setzte er fich und rief: „Sultan!"

Seinem Winke gehorsam, machte fich der Löwe aus der
Ecke im Erker empor, schritt zum Herzog und legte fich, die
I Tatzen weit vorgestreckt und den Kops erhoben, zur Seite nieder.

Eintrat Herr Talamont im goldgestickten, grünen Wamms,
um die Schultern ein schwarzsammrenes Mäntelein — beugte
fich sehr tief und sagte: „Gnädigster Herr Herzog —"

In demselben Augenblicke aber erhob fich Sultan — seine
Augen fingen an entsetzlich zu funkeln, und Herr Talamont,
der noch mit gebeugtem Kopse dastand, hatte noch nicht gesagt:
„Ihr habt mich gnädigst rufen lassen" — so war der Löwe
schon aufgesprungen, mit einem Satz aus Herrn Talamont ge-
fahren, halte ihn zu Boden geworfen, und stand, beide Vorder-
tatzcn aus seiner Brust, ein noch furchtbareres Gebrüll, als

gestern erhebend, mit offenem Rachen über ihm da-Herr

Talamont aber schrie laut auf: „Der Löwe!! Hilf Himmel —
er kennt mich noch!!"

„Ab, Sultan!!" rief der Herzog, sprang aus und packte j
den Löwen an der Mähne.

„Zurück!" rief er den hereinstürzenden Dienern zu.

Wild schüttelte der Löwe die Mähne und war die längste
Zeit nicht zum Schweigen zu bringen. Der Lothringer aber
rief in seiner unaussprechlichen Angst: „Um Alles in der
Welt, helft, Herr Herzog! di« Bestie frißt mich bei lebendigem
Leibe auf! Verlangt, was Ihr wollt, alle meine Kunst biet'
ich Euch für Nichts, nur macht, daß ich frei werde!"

Alberws bot wiederholt mit mächtiger Stimme dem Löweu
ab, bis er endlich zur Ruhe gebracht war. Aber von der
Stelle rührte er sich nicht, auch besahl's ihm der Herzog nicht, !
sondern wandte fich zu Herrn Talamont und sagte gebieterisch:
„Was habt Ihr damit gemeint: er kennt mich noch! Heraus
mit der Sprache, fahrender Meister, das Läugnen wird wenig
frommen, ich denke wir wissen schon Alles!"

„Hoher Herr," seufzte Herr Talamont, „das ist ja ein
wahres Schicksal, da mag das Läugnen sicher wenig helfen,
und der Himmel will, ich soll gestehen. So sei es denn!
Seht, Herr Herzog, ich Hab' da gestern in vieler Sehnsucht,
aber aller Unschuld, eine Jungfrau verfolgt —"

„In meiner Hofburg?" sagte der Herzog.

„Ach gnädigster Herr," erwiederte Jener, „der äußerst an-
nehmlichen Jungfrau wollt' ich einen Kuß geben, da wehrte
fie fich wacker und rief den Löwen um Hülse an — der begann
einen mächtig gewaltigen Rumor und wollt' aus dem Käfig
heraus, — da lief ich von dannen — nicht aus Furcht —
hoher Herr, sondern des Lärmens wegen — nun hat der Löwe
mich auf der Stelle wieder erkannt!"

„Also haben wir's heraus," rief Albertus. „Ihr Unver-
schämter wagtet, mein eigen Haus entweihen zu wollen?!"

„Vergebt, vergebt, Herr Herzog," seufzte Herr Talamont,
„ich weiß nicht, wie's kam! Es muß rein des Teufels Spiel
und Einblasung gewesen sein, denn ich versichere Euch, hoher
Herr, Alles bin ich sonst mehr geneigt, als auf die schönen
Jungsrau'n loszugehen; o ich bin stets eine stille, unschuldige
Seele gewesen, daß ich das nie hätte vermuthen können!"

„Ist das wahr?" sagte Albertus. „Und gar keinem Men-
schen habt Ihr böse Streiche gespielt?"

„O niemals!" entgegnet« Herr Talamont.

„Ei," sagte Albertus — „auch dem Grafen Ladislaw von
Haag nicht —?"

„Wa — was sagt Ihr, hoher Herr —" stotterte Jener —
„Graf — Graf Ladislaw von Haag —? Das ich — das ich
wahrlich nicht wüßte!"

„Hm — da müssen wir ihn doch selber fragen," versetzte ,
Albertus. „Heda, Graf Ladislaw von Haag, seid so geneigt,
und kommt einmal daher!" Eint-at der Graf und stellte fich
vor Herrn Talamont.
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