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Steskal, Martin; Österreichisches Archäologisches Institut [Contr.]
Das Prytaneion in Ephesos — Forschungen in Ephesos, Band 9,4: Wien, 2010

DOI Page / Citation link: 
https://doi.org/10.11588/diglit.43877#0252
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IX EXKURS ZU DEN PRYTANEIA IN KLEINASIEN - EINE VERGLEICHSSTUDIE

(Martin Steskal)
IX.l Vorbemerkung
Die folgende Zusammenstellung soll einen Überblick über die weiteren bekannten und vermuteten Prytaneia
in Kleinasien bieten. Der Publikationsstand erweist sich auch in diesem Kontext als überaus heterogen; die
tatsächliche Identifizierung der hier vorgestellten Gebäude als Prytaneia ist zudem, wie gezeigt wird, nicht
immer sicher. Dargestellt werden die relevanten Bauten von Aigai, Herakleia am Latmos, Kolophon, Ma-
gnesia am Mäander, Milet, Pergamon und Priene.
IX.2 Aigai
Das zwischen den Städten Izmir und Bergama gelegene äolische Aigai, in dem aktuell groß angelegte Feld-
forschungen von der Ege Üniversitesi in Izmir vorgenommen werden824, beheimatet an der Nordwestecke
der Agora ein Gebäude, das vor seiner Freilegung u. a. als Prytaneion angesprochen wurde. Aufgrund des
Fundes einer Bauinschrift auf einem Architrav, die Zeus Boulaios und Hestia Boulaia nennt, vermutete
R. Bohn am Ende des 19. Jahrhunderts in diesem Gebäude eine Kombination aus Prytaneion und Bouleute-
rion825. Die neu angelegten Grabungen zeigen nunmehr deutlich, dass es sich um ein Bouleuterion handelt,
dessen nicht ganz halbkreisförmigen Sitzreihen noch gut erhalten sind (Taf. 241, 1). Für das Vorhandensein
eines Prytaneions an dieser Stelle gibt es bis dato keine Evidenzen. Es bleibt abzuwarten, ob die aktuellen
Grabungen ein Prytaneion in unmittelbarer Nähe dieses Bouleuterions nachweisen können.
IX.3 Herakleia am Latmos
Westlich an das Bouleuterion von Herakleia anschließend befindet sich ein Raum (ca. 6,80 * 7,20 m), den
K. Wulzinger 1941 als kleinen Tempel interpretierte, in dem er einen Kult für Zeus Boulaios oder Athena
Boulaia vermutete826 (Taf. 241, 2). Weder dafür noch für eine Interpretation des Raumes als Kultplatz der
Hestia sind jedoch positive Belege beizubringen. Wiewohl die unmittelbare Nähe zu Bouleuterion und Agora
eine Identifikation als Prytaneion prinzipiell möglich macht, kann dieser Hypothese beim jetzigen Wissens-
stand nicht beigepflichtet werden.
IX.4 Kolophon
In der Nordostecke der Agora von Kolophon befindet sich ein Gebäude, das gleichsam als östlicher An-
nex der nördlichen Stoa diente827 (Taf. 242, 1). Die nur oberflächlich untersuchte Anlage besteht aus der
Verlängerung der angrenzenden Stoa im Süden sowie drei Räumen, von denen sich der östliche als der

824 s. dazu E. Doğer u. a., Aigai 2004-2006 yılı kazıları, KST 29, 2008, 214-218. Für die freundliche Abbildungserlaubnis des
Bouleuterions sei E. Doğer herzlich gedankt.
825 R. Bohn, Altertümer von Aegae, Jdl Ergh. 2 (Berlin 1889) 33-35. Dass eine solche Kombination auch explizit nur in Bouleu-
teria zu finden ist, zeigt Miller 1978, 225 f. am Beispiel von Athen.
826 K. Wulzinger, Das Rathaus von Herakleia am Latmos, in: F. Krischen, Antike Rathäuser (Berlin 1941) 25; zur Agora:
A. Peschlow-Bindokat, Der Latmos. Eine unbekannte Gebirgslandschaft an der türkischen Westküste (Mainz 1996) 37;
A. Peschlow-Bindokat, Herakleia am Latmos. Stadt und Umgebung (Istanbul 2005) 119-121.
827 Holland 1944, 91-171 bes. 103-107; Miller 1978, 109-112.
 
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