Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 2.1927

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FORMUNG DER GROSSSTADT

VON DR.-ING. ALFRED GELLHORN

Dieses aktuelle Problem soll mit den folgenden Ausführungen in
unserer Zeitschrift zur Diskussion gestellt werden.

Der Verfasser sprach im Rahmen einer Ausstellung „Das Gesicht
Berlins" im Salon Neumann-Nierendorf über „Anregungen zu den
Möglichkeiten einer künftigen Stadtbaukunst." Die hier veröffentlichten
Skizzen sind seiner Arbeit „Zum schöneren Berlin" entnommen.

Die Schriftleitung.

Vor bald 20 Jahren erschloß August Endell
in seinem Buch „Die Schönheit der gro-
ßen Stadt'' einer dankbaren Mitwelt die
ästhetischen Begriffe ihrer Ins dahin ver-
kannten und zugunsten sinnfälligerer Bäde-
kerschönheiten zurückgesetzten Großstädte.
Nichts beleuchtet deutlicher den Entwick-
lungsgang, den wir inzwischen erlebt haben,
als ein Vergleich unserer Einstellung zum
gleichen Thema mit der seinen. Ja, man
kann hier geradezu einen Grund erkennen
für den negativen Verlauf der damaligen
Ansätze zu einer zeitgemäßen Formenbil-
dung, die Tragödie des Jugendstils und die
von Endells Leben und Schaffen selbst.
Wenn er und seine Zeitgenossen nichts Blei-
bendes hervorzubringen vermochten und die
Überlebenden resignierten, so lag das nicht
etwa an unzureichender Begabung. (Zumal

gerade formale Begabung wohl das ge-
ringste Merkmal der heute neuwerdenden
Baukunst darstellt.) Sondern es war die
Zeit selbst, in der ein Neugestalten noch
anachronistisch war und zur Erfolglosigkeit
verurteilt bleiben mußte. Es war die Zeit
des Impressionismus, deren Stärke in der
gesteigerten Aufnahmefähigkeit gegenüber
allen Feinheiten der vorhandenen Dinge
lag, die diese Dinge aber nahm, wie sie
waren, und in diesen Gegebenheiten Anre-
gung genug fand für ästhetisches Erleben.
Heute aber herrscht nicht mehr in diesem
Maße die Ästhetik, wenigstens nicht bei den
Schaffenden. Sondern die sind gewillt, sie
mögen welchem Gebiet der Kunst auch
immer angehören, die Umwelt und ihr
Werk mit ihr zu erfassen und zu gestalten,
auf die Gefahr hin, daß selbst manches an

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