Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 8.1933

Page: 61
DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/form1933/0071
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Wagens. Man hat ja einen Rennwagen sehr oft mit einem Käfer
mit einem dicken Kopf vorn verglichen. Eine andere Lösung
der Motorhaube unter Zugrundelegung der Luftkühlung
würde sicher mit einer natürlichen und nicht modisch über-
triebenen Stromlinienform zusammengehen.

übrigens ist es bei der weiteren technischen Entwicklung
noch nicht gesagt, ob man nicht den Motor nach hinten
legen wird, so daß der Antrieb auf die Hinterachse geht;
auch das müßte zu einer radikalen Umstellung der Gesamtform
des Automobils führen.

Soviel scheint sicher zu sein, daß wir im Automobilbau in
der technischen Konstruktion noch nicht zu einer Standard-
lösung gekommen sind. Das Automobil von 1930 kann in
diesem Sinn keinesfalls mit dem Fahrrad verglichen werden.
Wesentliche technische Änderungen, wie die erwähnten:
Vorderradantrieb, Luftkühlung, oder Verlegung des Motors nach

hinten, müssen zu einer formalen Um- und Neugestaltung
führen. Daß heute die Systeme, die die technischen Neuerungen
eingeführt haben, ein bequemes Festhalten an der alten
Form noch erkennen lassen, ist ein Vorgang, für den es hundert
ähnliche Fälle in der technischen Entwicklungsgeschichte gibt.
Merkwürdig bleibt allerdings, daß eine konsequente formale
Lösung, wie es der frühere kleine Hanomag war, auf die Dauer
keinen Beifall beim Publikum gefunden hat, weil er nicht ein
verkleinertes Auto, wie man es für üblich hielt, darstellte,
sondern eine seiner technischen Konstruktion gemäße äußere
Form. Vielleicht ist jener kleine, oft belachte Wagen etwas zu
früh dagewesen. Die starke Nachfrage nach den neuen drei-
rädrigen Kleinwagen, die verkehrstechnisch und steuertechnisch
unter den Begriff Motorrad fallen, und die in ihrer Lösung
kaum wesentlich besser sind als der alte Hanomag, scheint
das fast zu beweisen. W. L.

Technokrate?

A. SCHWAB, BERLIN

Fanfare aus U.S.A.

„Auf Grund unsrer heutigen technologischen Kenntnisse ist
es für die erwachsene Bevölkerung zwischen 25 und 45 Jahren
nur noch nötig, 660 Stunden im Jahr pro Kopf zu arbeiten, um
einen Lebensstandard für die Gesamtbevölkerung zu erreichen,
der zehnmal so hoch ist wie im Jahr 1929." So der amerikanische
Journalist Wayne V. Parrish, der Propagandist der Technokratie,
Ende 1932.

Wohlgemerkf: der Satz gilt für die gegebenen Bedingungen
der Vereinigten Staaten.

Immerhin: seit etwa mit Jahresanfang der Begriff Technokratie
und die Kunde von den Lehren ihrer amerikanischen Vertreter
in Europa auftauchte, hat die Diskussion darüber mit enormer
Schnelligkeit um sich gegriffen, Mussolini persönlich ist mit
einem Artikel in die Arena gestiegen — was ist geschehen?
Ist nur ein neues amerikanisches Mode-Schlagwort über uns
gekommen? Eine Mode, die ebenso schnell wieder ver-
schwinden wird, wie Mah-Jong, Kalorien und Jo-Jo ver-
schwunden sind?

Vielleicht. Aber die sachliche Frage wird bleiben, für die
jetzige Generation sicher, ja sie wird ihre volle Aktualität
vielleicht erst für die nächste Generation gewinnen.

Das Thema

Zur Information kurz das Wesentliche. Zentrum der ameri-
kanischen Bewegung der Technokratie ist eine Art privater
Akademie, eine Vereinigung von 350 Ingenieuren unter der
Leitung von Howard Scott, Dr.-Ing. der Technischen Hochschule
Charlottenburg, im Kriege Munitionsexperte der kanadischen
Regierung. Seit 1919 hat diese Vereinigung fast alle Gebiete
der Güterproduktion mit dem Maßstab des Energieverbrauchs
durchgearbeitet. Ihre Lehre läßt sich auf folgende Hauptpunkte
konzentrieren:

1. Die Menschheit hat durch die Technik die Möglichkeiten

der Güterproduktion in einem Ausmaße gesteigert, das noch
gar nicht richtig begriffen ist.

2. Von diesen Möglichkeiten wird bei weitem nicht aus-
reichender und richtiger Gebrauch gemacht.

3. Erkenntnis und Realisierung dieser Möglichkeiten wird ver-
hindert durch die Herrschaft von Politikern und Wirtschaftlern,
die die Gesellschaft leiten nach veralteten Gesichtspunkten
der Macht und des Gewinnes, statt mit dem Ziel reichlicher
Versorgung bei geringer Arbeitslast.

4. Die Technisierung der Produktion schreitet trotzdem fort,
in der falsch konstruierten, falsch geleiteten Gesellschaft wird
sie jedoch zum Verhängnis: indem die in der Produktion ent-
behrlich werdenden Arbeitskräfte gleichzeitig auch als Konsu-
menten ausgeschaltet werden, wächst die Gefahr des völligen
Zusammenbruchs heran, der z. B. für die Vereinigten Staaten
als ein in anderthalb Jahren unvermeidlich eintretendes Er-
eignis mit kalendarischer Sicherheit vorausgesagt wird — wenn
nicht technokratische Rettung versucht wird. Daher:

5. Weg mit allen alten -kratien wie Aristo-, Demo-, Pluto-
kratie usw.! Her mit der Technokratie! Der Techniker erhebt
den welthistorischen Anspruch, von jetzt ab Staat und Gesell-
schaft zu leiten.

Europäische Akustik

Begreiflich, daß eine derartige Fanfare in solcher Krise auch
Europa zum Aufhorchen bringt. Und doch ist die Akustik des
europäischen Raumes eine andere, ist weniger günstig. Mit
etwas Schrecken und etwas Rühiung zugleich stellen wir fest:
die grandiose Naivität, mit der die Thesen der Technokratie
vorgetragen werden, erinnert uns noch immer an den Geist
der ersten Pioniere des amerikanischen Westens, die Fülle der
Zahlen, die als Beweismaterial vorgetragen weiden, erscheint
uns als repräsentativ für den nüchternen Fanatismus des
Rechnens, der schon immer mit jener Naivität so seltsam ver-
bunden war, und die robuste Stoßkraft der Propaganda ist

61
loading ...