Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 8.1933

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uns auch nicht mehr unbekannt. Kurz: wir Europäer sind
skeptische alte Leute; in der Überzeugung, daß überall mit
Wasser gekocht wird, kann uns nichts mehr erschüttern.

Aber nicht nur das: es tauchen vielmehr auch allerhand
Erinnerungen in uns auf. Wir kennen auch hierzulande den
isolierten technischen Spezialisten, der immer genau weiß, wie
der Betrieb einer Volkswirtschaft geordnet werden müßte, der
Eingaben und Denkschriften produziert, der die unsachlichen,
nicht-technischen Faktoren, wie etwa die Interessen der Klassen,
die gesellschaftlichen Gewohnheiten, die politischen Kräfte mit
souveräner Nichtachtung beiseiteschiebt und immer sich wundert,
daß zum Schluß er selbst der Beiseitegeschobene ist. Nur
treten bei uns diese Fetischisten der Technik nicht gleich in
Gruppen zu 350 Mann und mit Resultaten zwölfjähriger gemein-
samer Arbeit auf. Sodann aber erinnern wir uns auch, daß wir
eine kaum übersehbare theoretische Literatur über den Zu-
sammenhang von Technik, Profitwirtschaft und Arbeitslosigkeit
besitzen. Auch hat uns der alte Hegel, der bei allem
Idealismus einer der großen Skeptiker des Geistes war, mit
Erfolg gelehrt, daß . die großen geschichtlichen Umwälzungen
getragen werden von den großen praktischen Interessen (und
nicht etwa von der Propaganda einer abstrakten Idee). Diese
Lehre ist uns tausendfach bestätigt und sitzt sehr fest in unsern
Köpfen.

Aber das sind alles Dinge, von denen weder die ameri-
kanischen Technokraten etwas wissen wollen, noch ihre deut-
schen Freunde, die ihnen mit dem Hinweis auf eine schon vor
dem Krieg gegründete „Union der Techniker" sogar die
Priorität bestreiten. Würden sie neben der Technik der Güter-
produktion auch die Technik der gesellschaftlichen Kräfte in
ihre Arbeit einbezogen haben — die freilich eine höhere und
schwierigere Stufe darstellt, etwa wie die Physiologie des
lebenden Organismus mit einem schwierigeren Objekt zu tun
hat als die Anatomie, geschweige denn die Mechanik —, dann
hätten sie sich nach denjenigen gesellschaftlichen Interessen
und Kräften umgesehen, die ihre natürlichen Bundesgenossen
sind. Ach, daß die jungen Leute doch immer nicht von den
Alten lernen, daß sie doch immer ihre eigenen Dummheiten
und Erfahrungen machen wollen!
Variationen

Die Einzelheiten, soweit sie in Deutschland bekannt wurden,
sind interessant genug. Bleiben interessant, auch wenn ähnliche
Zahlen schon bei uns im Lande ausgerechnet worden sind,
auch wenn die Zahlen der Amerikaner teilweise bestritten
werden.

Ziegelei: Eine moderne, angemessen ausgerüstete Ziegelei
könne, sagen die Technokraten, täglich 400 000 Ziegel je
Arbeitskraft herstellen. Die amerikanische Ziegelindustrie stellte
1929 mit über 35 000 Arbeitskräften in 2370 Fabriken 8 Milliarden
Ziegel her. Die gleiche Produktion hätte in 5 modernen Be-
trieben mit zusammen 70 bis 100 Mann geschafft werden
können. Das mag sein; aber wo bleibt das Transportproblem?
(Fünf Ziegeleien für ein Gebiet wie die Vereinigten Staaten!)
Andrerseits: die tatsächliche Jahresleistung — 8 Milliarden
Steine bei 35 000 Mann — umfaßt natürlich Grenzfälle einer
Tagesleistung, je nach technischer Ausrüstung des Betriebes,

von vielleicht 100 Stück bis zu sagen wir 50 000 Stück je Arbeits-
tag und Mann, mithin schon phantastische Unterschiede.

Auto-Industrie: Es sei technisch möglich, mit nur 50%
Mehrkosten Wagen herzustellen, die 500 000 Kilometer fahren
können, ohne daß man sie überholen muß —, also für die
anderthalbfachen Kosten eines heutigen hochwertigen Wagens
ein Erzeugnis mit zehnfacher Lebensdauer.

Textilindustrie : Die Nesselpflanze Ramie sei siebenmal
so haltbar wie Wolle, zu schweigen von Baumwolle, dazu im
Anbau weniger vom Klima abhängig, im Ernten einfacher als
Baumwolle.

Stahlindustrie: Die Produktionsmöglichkeit pro Mann
sei in den letzten 50 Jahren auf das 650fache gestiegen; hier
widerspricht die Industrie selbst: es sei „nur" das 23fache.
Eigentlich auch schon genug.

Rasierklingen (dies ist schnell populär geworden): Es
sei möglich, eine Tungstenkarbidschneide herzustellen, die ein
Menschenleben lang aushält.

Im Ganzen: Die arbeitsparenden Mittel, die uns die moderne
Technik zur Verfügung gestellt hat, seien im Durchschnitt eine
Steigerung der Produktionsenergie, gegenüber etwa der Zeit
vor 100 Jahren, auf das 75fache — eine Zahl, die auch von
kritischen Fachleuten in Deutschland für plausibel gehalten wird.

Nun: auch wir Laien werden von solchen Zahlen nicht mehr
umgeworfen. Aufregend ist nicht die Kluft zwischen einst und
heute, sondern die Kluft zwischen heute und morgen. Eigentlich:
die Kluft im heute, nämlich zwischen der Realität und den
unausgeschöpften Möglichkeiten. Wo bleibt das reparaturfreie
Auto, der Anzug, den man 15 Jahre trägt, wo die ewige Rasier-
klinge, das ewige Zündholz? (Wo, wo bleibt der 2y2-Stunden-
Arbeitstag mit zehnfachem Lebensstandard? Aber dies nur in
Parenthese.)

Finale

Es ist das alte Thema des Werkbundes, das Thema der
Qualitätsproduktion, das hier erklingt, ins Ungeheure vergrößert,
vorgetragen mit Trompeten, Posaunen und Pauken.

Es ist ins Amerikanische und Rein-Technische transponiert.
Aber wir erkennen es doch wieder.

Der Begriff der Qualität ist hier aufgefaßt als die bestmög-
liche Kombination von Dauerhaftigkeit und geringem Energie-
aufwand; die Kosten, dies sei noch nachgeholt, werden von
den Technokraten nicht nach dem schwankenden Geldmaßstab,
sondern nach der angeblich zuverlässigeren Energie-Einheit
(Erg) berechnet. Diese Begriffsbestimmung ist sicher rational
einwandfrei, und nichts ist dagegen einzuwenden, daß dieser
Maßstab an alle Erzeugnisse angesetzt wird, die in der
mechanischen Massenproduktion nach Standardtypen her-
gestellt werden.

Für uns versteht sich von selbst, daß das Problem der Ge-
staltung erst jenseits dieses technischen Maßstabes beginnt,
freilich nicht ohne wechselseitige Abhängigkeit beider Bereiche.
Alle verschiedenen Ausprägungen, die das Qualitätsproblem
in der theoretischen und praktischen Arbeit des Werkbundes
und seiner Mitglieder im Laufe der Zeit gefunden hat, be-
deuteten immer neue Versuche, den richtigen Schnittpunkt und
die richtige Kombination der beiden Bereiche zu finden. Das

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