Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 8.1933

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Der Deutsche Werkbund im neuen Reich

W. WENDLAND, BERLIN

Als der Deutsche Werkbund im Jahre 1907 gegründet wurde,
gab man ihm die Aufgabe: „Der Zweck des Bundes ist die
Veredelung der gewerblichen Arbeit im Zusammenwirken der
Kunst mit Industrie, Handwerk und Handel durch Erziehung,
Propaganda und geschlossene Stellungnahme zu einschlägigen
Fragen." Dieser Leitsatz kennzeichnet das, was der Deutsche
Werkbund ursprünglich als seine Aufgabe ansah und kenn-
zeichnet auch die Lage, aus der er entstand. Der Werkbund
schuf als erster den Begriff der deutschen Wertarbeit und
stand damals vorn in der Front der Entwicklung.

Nach dem Kriege begann auch für den Werkbund eine
neue Zeit, eine Zeit, die vielleicht von vielen als seine größte
empfunden wurde, die aber doch vom nationalsozialistischen
Standpunkt nicht in jeder Hinsicht das war, was der National-
sozialismus unter den Begriff der Leistung zusammenfaßt. Der
Werkbund kämpfte schließlich vor allen Dingen in der Zeit
von 1927 in der Werkbund-Siedlung Weißenhof für die neue
Form und glaubte damit seiner Bestimmung zu dienen. Jedoch
scheint es uns heute so, daß dieser Kampf um die neue Form
ein Irrtum war, denn vom Begriff der Leistung her ist das
formale Problem ein durchaus zweitrangiges. Der National-
sozialismus hat 14 Jahre lang auf politischem Gebiet für eine
neue Idee gekämpft, ja, er stellt überhaupt die eigentlich
revolutionäre Idee des Jahrhunderts dar. Alle bisher als
revolutionär auftretenden Erscheinungen des geistigen und
politischen Lebens, wie der Marxismus und letzten Endes der
Kommunismus, waren doch nichts anderes als ein letztes Auf-
flackern einer eigennützigen Staafsidee, die 1797 in der fran-
zösischen Revolution geboren wurde. Die deutsche Revolution,
die am 1. August 1914 beginnt, setzt an die Stelle des Ich
das Wir, an die Stelle der hochgeschraubten künstlerischen
Einzelarbeit die Leistung, die bewußt in die Gesamtheit des
Volkes hineingestellt wird, also nicht die Form an sich, ein Form-
problem, irgendeine Frage technischer Natur, sondern die Lei-
stung, gesehen unter dem Gesichtswinkel der Gesamtheit des
Volkes, des Staates, gibt erst einen Maßstab auch für die
künstlerische Frage. Es ist für das Volk völlig belanglos, ob
ein Becher gut oder schlecht ist, wenn dieser Becher nur für
irgendeinen hochstehenden Mäzen erschwinglich ist. Es ist
auch völlig belanglos, ob mit der Arbeit dieses Bechers der
Künstler für sich und seinen größeren Ruhm eine entscheidende
Tat vollbringt. Es ist auch belanglos, ob in einer Siedlung
eine Reihe Architekten neuere Materialien zusammensetzen,
um zu einem neuen Raumgebilde zu kommen, wenn diese neuen

Raumgebilde nicht ihrem eigentlichen Zweck, dem der Um-
hüllung einer Gemeinschaft, dem Raum-geben für eine Familie,
für Menschen des Volkes, zugeführt werden können oder sich
als unbrauchbar erweisen. Nicht das neue Wohnen, nicht ein
neues Lebensgefühl, was, nebenbei gesagt, Schwärmereien
von Großstadtidealisten waren, sondern das Verhältnis des
Menschen zum Boden, zum Volk, kurzum eine neue Gesinnung
mußte in erster Linie in Betracht gezogen werden, ehe man
glaubte, neue Formen finden zu müssen.

Wir wollen nicht verkennen und wollen auch ehrlich
einsehen, daß der Weg zur Weißenhofsiedlung in Stutt-
gart, der Weg zur Dammerstock - Siedlung, zur „Wuwa"
kurzum der Weg zum Modernismus, ein Irrtum des Werk-
bundes war. Wir wollen es heute eingestehen, daß dieser
Irrtum entstanden ist aus einer grundsätzlich liberalen Welt-
anschauung, die glaubte, losgelöst von dem Leben der Nation
allein Formprobleme lösen zu müssen.

Die neue Werkbundleitung ist sich dieses fundamentalen
Irrtums der bisherigen Werkbundentwicklung durchaus bewußt,
und es hat keinen Zweck, diese Dinge verschleiert bestehen
zu lassen. Wer diese Ehrlichkeit nicht vertragen will und ver-
tragen kann, soll so ehrlich sein, die Konsequenzen daraus
zu ziehen. Die neue Werkbundleitung hat den Bund über-
nommen in dem unerschütterlichen Willen, den Bund einzu-
bauen in den Aufbau der Nation und in das künstlerische
Leben, weil sie auf dem Standpunkt steht, daß das Leistungs-
prinzip, das Adolf Hitler aufstellte, sich mit dem Wertungs-
prinzip des ursprünglichen Werkbundes weitgehend deckt
bzw. daß das Qualitätsprinzip des Werkbundes einen Teil
des Leistungsprinzips des Nationalsozialismus darstellt, nämlich
die Leistung auf schöpferischem Gebiet. Es ist sicher für viele
alte Werkbundmitglieder bitter, wenn heute ein derartiges
Fazit gezogen wird, aber wir sind nicht in einer Gesinnungs-
gemeinschaft, um bitteren Einsichten aus dem Wege zu gehen,
sondern um ihnen ins Auge zu sehen, und, wenn wir das
Richtige erkannt haben, einen neuen Weg zu gehen. Auch
der Zusammenbruch des alten Staates hat vielen Menschen
bittere Enttäuschungen gebracht, auf die der Weg des Volkes
nicht Rücksicht nehmen kann. So gilt es denn, neu aufzubauen.
Das erste, was im Werkbund geschehen muß, ist nicht nur ein
äußerliches Bekenntnis zum Nationalsozialismus, sondern die
tiefe Durchdringung aller Mitglieder mit der Idee Adolf Hitlers,
die, wie seine große Rede jetzt in Nürnberg bezeugte, weit-

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