Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 8.1933

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Entwurf einer Schule

Der auf den folgenden Seiten wiedergegebene Entwurf wurde
1931/32 von den Schülern Peter Getz und Josef P r ü m m in
der Hochbauklasse der Aachener Kunstgewerbeschule unter
meiner Leitung aufgestellt. Bei der Ausarbeitung des Bau-
programms und des Entwurfs konnten wir mit der Leiterin der
städtischen Montessorischule in Aachen ständig zusammen-
arbeiten.

In dem Entwurf wird versucht, einen Beitrag zum Grundriß
der neuen Schule zu geben. Es ist sehr schwer, sich einen
guten Überblick darüber zu verschaffen, was auf diesem Gebiet
vielleicht durch andere bereits geleistet wurde. An den
Architekturzeitschriften und ihren Veröffentlichungen hat man
dabei wenig Hilfe, da diese durchweg bei Bauten und Ent-
würfen mehr formale und technische Dinge als grundsätzliche
Entscheidungen zeigen. Wir konnten fast keine Vorarbeiten

Die pädagogischen Unterlagen

Mit dem hier veröffentlichten Entwurf ist versucht, die bauliche
Gestaltung einer Schule für Kinder vom dritten Lebensjahr
bis zum Verlassen der Schule aufzuzeigen. Wegweisend dafür
war der klare Grundriß der Montessori-Schule. In diesem
scheint all das Suchen nach Lebens- und Arbeitsschule so
vollendet aufgenommen und zum Beschluß gebracht, daß
etwas Gültiges entstanden ist. Montessori-Schulen gibt es in
fast allen Ländern der Erde. Der pädagogische Aufbau dieser
Schule erfolgt langsam, durch jahrelanges Beobachten der
kindlichen Entwicklung und durch Versuche mit den Schul-
materialien. Bis jetzt sind erst Kinderhaus (Kindergarten) und
Grundschule vollständig ausgebildet. Ein weiterer Aufbau ist
besonders in Holland schon vorhanden, aber die Arbeit ist
noch nicht abgeschlossen. So kann auch der hier veröffent-
lichte Entwurf nur ein Versuch sein.

Dieser Entwurf gliedert sich innerlich in vier in sich geschlossene
aber baulich miteinander verbundene Bereiche: 1. Kinderhaus
und Grundschule, 2. Übergangsschule, 3. Aufbau bis zur Reife-
prüfung, 4. Frauenschule.

Kinderhaus und Grundschule bilden ein Haus für
sich, das wieder drei kleine Bildungsbereiche enthält: Das
„Kinderhaus" für das drei- bis fünfjährige Kind, die
erste Grundschulklasse für das sechs- und sieben-
jährige Kind, die zweite Grundschulklasse für das
acht- und neunjährige Kind. Der große, helle Hauptraum ist
so belichtet, daß die kleinen Tische und Stühle verschieden
angeordnet werden können. Er ist groß genug, um den Kindern
Bewegungsfreiheit zu geben, doch nicht so groß, daß sie
sich darin fremd fühlen. Der Bau ist nach den Maßen des
Kindes eingerichtet, mit niedrigen Fenstern, flachen Treppen-
stufen, niedrigen Waschtischen, einer entsprechenden Garde-
robe. Vom großen Tagesraum ist alles andere unmittelbar
zu erreichen, so daß die Aufsicht unaufdringlich durchgeführt
werden kann. Die Leiterin überschaut unbetont das ganze
Leben des kleinen Hauses. Angrenzend an den Tagesraum,
nur ein wenig abgegrenzt, liegt das Frühstückszimmer. Für die

finden, die versucht hätten, der Schule einen wahrhaft neuen
Grundriß zu geben. Anscheinend begnügt sich der amtliche
Schulbau in den bürgerlichen und den sozialistischen Ländern
damit, die alte Schule mit allerhand komfortabeln Zutaten zu
versehen, sie heller und luftiger zu machen und enger mit der
Natur zu verbinden, als dies früher der Fall war.

Wie weit die Meinungen über die Gestalt der neuen Schule
auseinander gehen, zeigt wohl nichts besser, als der Vergleich
unseres Vorschlages mit den Entwürfen, welche im Vorjahre
R. Neutra in der „Form" veröffentlicht hat. Der Vergleich zeigt,
wie nötig es ist, diese Fragen grundsätzlich zu bearbeiten.
Mehr als einen Anfang in dieser Richtung sehen wir in dem
vorgelegten Projekt nicht. Es werden bestimmte Grundgedanken
zur Erörterung gestellt und wir hoffen, daß sie ihre Erwiderung
oder Fortsetzung finden werden. R. Schwarz, Aachen.

Leiterin ist eine kleine Nische vorhanden. Ein kleiner Wasch-
raum und eine Teeküche zum Wärmen der Frühstücksmilch
oder auch einer Mittagssuppe und zum Aufnehmen von aller-
hand Putzgerät sind ebenfalls direkt vom Hauptraum zugäng-
lich. Ein Ausgang führt zum gedeckten Sandplatz, der im
Sommer und im Winter benutzt werden kann, zum Rasenplatz
und zu den Gärtchen der Kinder. Alles liegt übersichtlich bei-
einander. Dem Kind ist es leicht, sein Bereich bis ins einzelne
zu kennen. Es fühlt sich sicher und ohne Angst und Scheu,
weil ihm alles vertraut wird. Nichts ist verschlossen. Einladend
ist die ganze Umgebung, auffordernd zu befreiter Bewegung,
die an den wohlgeordneten Gegenständen ihre Willkür verliert.
Das Kind findet um sich herum Gegenstände, die ihm ein
gesundes, seiner Entwicklung dienendes Leben gestatten, es
findet autodiktatisches Material, an dem es sich erzieht ohne
daß die Hilfe der Lehrerin viel erforderlich ist. Sie gibt
unauffällige, sachlich klare Einzellektionen und sammelt die
Kinder zu gemeinsamen Übungen, zum Erzählen oder Singen
um sich. Das besondere übungs- und Lernmaterial ist den
Altersstufen der Kinder in Art und Anzahl angepaßt. Das
Kind findet konkrete Dinge, die mit der Erkenntnis Sinne und
Bewegung üben und der Synthese der Persönlichkeit dienen.
Nicht viel zu lernen, sondern einzusehen, Tun und Erkennen
zu verbinden, ist das Ziel der Montessori-Schule.

Das Bereich der Kleineren liegt etwas für sich, nicht zu sehr
eingefügt in das große Ganze, das den Kindern zu fremd
erscheinen würde. In dem H a u p t b a u finden wir am Eingang
die Verwaltung, dann die „ü b e r g a n g s s c h u I e", die
den Kindern, die aus dem Grundschulbereich kommen, den
Eingang in die Schule der Großen erleichtert. Sie finden hier
ein Bereich, das sich noch enger um sie schließt und zugleich
den Räumen der Großen näher liegt. Manche davon, wie z. B.
die Werkstätten, benutzen sie schon mit. Während im Kinder-
haus und in der Grundschule Knaben und Mädchen als Kinder
beieinander sind, treten sie nun in getrennte Räume ein, die
jedoch nahe beieinander liegen. Der Entwurf bedeutet päd-

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