Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 8.1933

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Handwerk und Maschine in der Weberei

S. VON WEECH, BERLIN

Ich will versuchen, an Hand von Beispielen aus der Praxis
den Platz zu umreißen, den heute das handwerkliche Weben
neben der modernen Textilmaschine einnimmt.

Die Aufgaben für die Handweberei sind folgende:

1. Lösung individueller textiler Einzelaufgaben.

2. Pionierarbeit für die Textilindustrie.

3. Verweben von besonders subtil zu behandelndem Kett-
und Schußmaterial (Cellophan, Leder, Cellulosedraht,
Bast usw.).

4. Herstellung von Stoffen, bei denen aus technischen
Gründen die Leistung des mechanischen Stuhles nur un-
vollkommen ausgenutzt werden kann.

5. Musterweberei für die Industrie.

Die Aufgaben für die Textilindustrie sind folgende:

1. Rationellste Herstellung von Gebrauchstapelware in
technischer und geschmacklicher Vollendung, wobei in
der Musterung auf die größtmögliche Effektleistung der
Maschine zu achten ist.

2. Rationelle Herstellung von hochwertigen Qualitäten, die
aber noch einen Absatz in großen Mengen garantieren.

Ich werde nunmehr die einzelnen Punkte der Aufgaben-
gebiete für die Handweberei an praktischen Beispielen aus-
führen:

1. Lösung individueller Einzelaufgaben: hierher gehören
die hochwertigsten Textilien: Gobelin, Kelim, Wandbehänge,
Smyrnaknüpftteppiche. Diese Aufgaben bleiben selbstverständ-
lich immer der Handweberei vorbehalten. Wenn es die Textil-
industrie wiederholt unternommen hat, Gobelins, „Bildteppiche",
kelimähnliche Gebilde, Smyrnaknüpfimitationen, unter möglichst
naher Anlehnung in der Musterung an hochwertige Einzel-
stücke herzustellen, so bedeutet dies geschmacklich die
schwerste Entgleisung. Bei der Herstellung von Gobelins auf
dem Hochstuhl ist es auch ein Fehler, wenn man irgendein
Gemälde oder einen von einem Nichtwebtechniker gemalten
Entwurfskarton einfach in die Gobelinkette stopft. Natürlich
kann man nahezu alles in dieser Technik ausführen, aber man
hat dann mehr den Eindruck von Malerei oder Stickerei und
nicht mehr von Weberei. Gerade die überaus reizvollen Detail-
möglichkeiten, die rein aus der Technik entstehen, müssen im
Entwurf verwandt und ausgenützt werden. Ahnlich ist es bei
Knüpfteppichen: Der Teppichknüpf er kann eine rote Fläche in
unzählige Punkte auflösen, aus vielen verschiedenen Farb-
schattierungen, die eben zusammen ein lebendiges, be-
zauberndes Rot ergeben. Ein mechanisch gewebter Flor-
teppich kann das nicht oder eben nur in einem äußerst be-
schränkten Maße. Wenn also die Industrie einen hand-
geknüpften Teppich nachzuweben versucht, entsteht eine
Scheußlichkeit und ebenso wahrscheinlich entsteht eine
trockene, verfehlte Wirkung, wenn ein Nichtweber den Ent-
wurf für einen Handknüpfteppich anfertigt.

Daraus ist zu schließen: die Entwürfe für hochwertige tex-
tile Einzelstücke müssen aus den technischen Möglichkeiten des
Handwebers geboren sein und die Entwürfe für Industrie-
erzeugnisse müssen aus den ganz anders gearteten Möglich-
keiten und Beschränkungen der Maschine heraus ganz andere
Wege gehen und zu ganz anderen, „neuen" Lösungen kommen.
Ferner muß man sich doch klar machen, daß zumindest An-
ständigkeit und Ehrlichkeit von Industrieerzeugnissen verlangt
wird. Ist es anständig und ehrlich, wenn ein mechanisch ge-
webtes Wandbild auf den geschmacklich nicht sicheren Kunden
den Eindruck macht: „ich bin ein Gobelin, fast nur für dich
gewebt"? Dabei muß die Industrie von diesem einen Muster
soundsoviel Hunderte oder Tausende herstellen, damit die un-
endlich teuere Jacquardkarte sich bezahlt macht!

Neben diesen hochwertigsten Einzelstücken fällt dem neu-
zeitlichen Handweber als ziemlich breites Betätigungsfeld auf
dem Flachwebstuhl die Lösung folgender Aufgaben zu: kom-
plette, individuelle textile Ausstattung ganzer Räume. Her-
Individuell handbewebter Wohnraum. Wandspannstoff: Leinen und
Kunstseide. Einlagen: Farbiger Bast. Möbelstoff: Baumwollchenille, auf
den Hockern Cellophan. Teppich: Wolle über Hanfgarn.
Entwurf: Prof. S. von Weech. Ausführung: Handweberei S. v. Weech
Schafflach, Obb.

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