Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 8.1933

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Diskussion um das Handwerk

Sehr geehrter Herr Dr. Lötz!

Nachdem die Diskussion um das Handwerk mit
Ihren Ausführungen im Septemberheft zu einem gewissen Ab-
schluß gekommen zu sein scheint und bisher nicht wieder
aufgenommen ist, möchten wir nicht unterlassen, mit einigen
Worten auszudrücken, daß wir die Unterhaltung mit Herrn
Oberstudiendirektor Rücker t aufmerksam verfolgt und uns
ihrer gefreut haben. Von Ihnen und von Herrn Rückert ist im
ehrlichsten Erkenntnisdrange soviel Richtiges gesagt worden, daß
wir dafür und für die Form der Behandlung unserer Lebensfragen
nur dankbar sein können. Wir sind nicht in allen Teilen der
gleichen Ansicht, die da oder dort geäußert ist, und können
nicht zu jeder der behandelten Einzelheiten Stellung nehmen.
Das würde eine Abhandlung geben, vor deren Umfang Sie
und Ihre Leser erschrecken müßten. Gestatten Sie uns aber,
wenigstens einige kurze Bemerkungen zu den Teilen der Er-
örterung zu machen, die sich auf die wichtigsten Fragen
beziehen.

Dabei müssen wir allerdings von einem eigenen Standpunkt
ausgehen. Sie betonen selbst, daß Sie nicht als Wirtschafts-
wissenschaftler urteilen, sondern daß Sie sich auf Ihre Be-
obachtungen als Freund und Kenner des Handwerks stützen.
Es ist wohl möglich, daß Sie einen guten Standort gewählt
haben. Wir sehen von unserem Aufgabenbereich aus
mancherlei vielleicht anders, denn wir haben es täglich mit
der gemeinen Not des Lebens zu tun und müssen versuchen,
mit Hilfe praktischer Maßnahmen der Wirtschaftspolitik den
Berufsstand und die Wirtschaft des Handwerks zu fördern. —
Daß diese Arbeit heute unter ungeheuren Schwierigkeiten ge-
leistet werden muß, brauchen wir nur anzudeuten. Das Ver-

langen nach Arbeit und Brot beherrscht die weitaus größte
Anzahl unserer Handwerker so völlig, daß für die Erörterung
aller anderen Dinge wenig Raum bleibt. Herr Rückert hat es
aus dem vollen Erleben und Empfinden eines Mannes, der
mitten im Handwerk steht, an einer Reihe treffender Beispiele
nachgewiesen. Niemand wird bestreiten können, wie groß die
Not im Handwerk ist, eine Not, von der freilich nicht viel ge-
sprochen wird, die wir aber desto stärker empfinden.

Damit soll die Verpflichtung des Handwerks, an sich selbst
und seiner Verbesserung zu arbeiten, nicht bestritten werden,
wohl aber darf man erwarten, daß die von außen wirkenden
nachteiligen Einflüsse bei jeder Urteilsbildung über das Hand-
werk und seine Leistungen die gebührende Rücksicht finden.

Es ist ja auch nicht zufällig, daß die Unterhaltung, die doch
wohl vornehmlich von dem Aufsatz Walther Schmidts über
Gewerbeerziehung im Aprilheft ausging, einigermaßen auf das
wirtschaftspolitische Gebiet hinübergewechselt ist. Die enge
Verflechtung des Handwerks mit dem Markt für seine Erzeug-
nisse läßt sich eben nicht übersehen. Die Betrachtung der Lage
macht Ihren Wunsch begreiflich, daß man versuchen sollte,
dem Handwerk „eine bestimmte Arbeitsmenge zuzuweisen, die
als Ganzes dem Bedürfnis des Marktes entspricht". Ganz all-
gemein wird das nicht möglich sein, in der Praxis läßt es sich
aber sehr wohl denken, daß gerade die öffentliche Hand bei
der Vergebung der Aufträge das Handwerk stärker heranzieht
und es nicht nur zur Abgabe von Angeboten zuläßt. Wir
werden darauf noch zurückkommen.

In Ihrer abschließenden Darlegung haben Sie geäußert, was
Sie unter Handwerk verstehen: „nämlich eine Pro-

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