Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 8.1933

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Qualitätsarbeit tut not!

ALEXANDER SCHWAB, BERLIN

Eine Neuordnung ist begonnen. Sie ist noch keineswegs zu
Ende geführt. Während der organisatorische Rahmen, in dem
das Leben des Volkes sich bewegt, in vielen Teilen, so beson-
ders im staatlichen, aber auch im sozialpolitischen, heute nach
rascher Entwicklung schon einem endgültigen Gefüge zustrebt,
ist das Leben selbst, die inhaltliche Erfüllung dieses Rahmen-
gefüges, noch in den ersten Anfängen seiner Umbildung be-
griffen. Lebensgewohnheiten und kulturelles Schaffen, Güter-
erzeugung und wirtschaftliche Beziehungen wandeln sich in
aller Geschichte und auch gegenwärtig nur mit einem gewissen
Maß von Schnelligkeit, das von der Natur der Dinge vor-
geschrieben scheint und nur begrenzte Beschleunigung zuläßt.
Auch hat ein solcher Umbildungsprozeß des nationalen Alltags-
lebens, selbst wenn er sich mit revolutionärer Beschleunigung
vollzieht, die Eigentümlichkeit, daß er die von der Vergangen-
heit ererbten Probleme im allgemeinen nicht eigentlich „löst":
er schiebt sie vielmehr entweder als überholt beiseite, oder
er stellt sie in neuer Form von neuem auf. Denn das Leben
ist keine Rechenaufgabe, die „gelöst" werden kann.

Gehört der Kampf für die deutsche Wertarbeit zu den Auf-
gaben, die heute als überholt fast von selbst beiseiterücken?
Wenn nicht, so bedarf es Jedenfalls einiger Aufmerksamkeit,
um festzustellen, inwiefern diese Aufgabe in neuer Form von
neuem gestellt ist. Einen weithin fühlbaren Anstoß, diese Auf-
merksamkeit zu erregen, hat die Regierung der nationalen
Erhebung selbst gegeben, als sie ihre Aktion gegen die Ver-
kitschung ihrer Symbole durchführte. Damit war aber wohl
kaum gemeint, daß wir nach schlechter deutscher Gewohnheit
alles der Regierung überlassen und die Daumen drehen sollen.

Als vor 25 Jahren der Ruf für die planmäßige Förderung
deutscher Qualitätsarbeit erhoben wurde, da wurde er zum
Teil begründet mit dem Hinweis auf die Notwendigkeiten des
deutschen Exports, und der Mann, der diese Begründung für
die damaligen Verhältnisse am klarsten und volkstümlichsten
ausgesprochen hat, war Friedrich Naumann, seltsames Gemisch
von Liberalismus, Nationalismus und Sozialismus, Erbe einer
absterbenden, wie früher Vorbote einer künftigen Zeit.

Wie steht es heute? Schon allein Deutschlands Beteiligung
an der Weltwirtschaftskonferenz müßte genügen, um das Miß-
verständnis eines hundertprozentigen Autarkieprogramms, das
eine Zeitlang verbreitet war, zu enthüllen. Dieses Volk ohne
Raum und mit unzureichender Rohstoffversorgung wird auch
weiter exportieren müssen, ja sogar exportieren wollen, nicht
„um jeden Preis", z. B. keinesfalls um den Preis der Auf-
gabe seiner eigenen Existenzsicherung oder seiner eigenen
Bedarfsdeckung, es wird vielmehr deshalb exportieren wollen,
weil es nicht darauf verzichten wird, die Deckung seines
Bedarfs durch das Hilfsmittel der Ausfuhr zu verbessern.
Draußen auf den Märkten der Welt wird das deutsche
Erzeugnis auf den Wettbewerb aus Ländern treffen, deren
Angebot nicht im Preis unterboten werden, sondern nur
durch die bessere oder die einmalige Qualität aus dem Feld
geschlagen werden kann.

War dies schon vor 25 Jahren so, so hat die Entwicklung
neuer Industrieländer mit billigen, dem deutschen Arbeiter
keinesfalls zuzumutenden Löhnen diesen Zustand inzwischen
um ein Vielfaches verschärft. Trotzdem hat die höhere Leistung
auch heute Anwartschaft auf den Sieg: nur die zuverlässige,
gleichbleibende Höchstleistung hat es beispielsweise vermocht,
daß in diesem Frühjahr trotz der Ungunst der allgemeinen
Atmosphäre die Staatliche Porzellanmanufaktur nach jahre-
langem Kampf Eingang zum französischen Markt fand.

Nun hat allerdings dieses Exportargument durch die äußere
und innere Entwicklung der letzten Jahre an Gewicht verloren
gegenüber den Notwendigkeiten des inneren wirtschaftlichen
Aufbaus. Schon immer waren beide Dinge wechselseitig von-
einander abhängig, und das ist geblieben. Nach wie vor ist
nur ein Volk, das in einer nicht zu schmalen Schicht selbst
Qualitätsgüter verlangt, auch fähig, die geistige und handwerk-
liche Überlieferung auf der notwendigen Höhe zu erhalten und
darüber hinaus aus der Tiefe seines eigenen Wesens zu be-
sonderen Leistungen zu gelangen, die gerade dieser Besonder-
heit halber Weltwert erlangen. Doch hat diese Wechsel-
beziehung, die im Kern geblieben ist, heute einen völlig
anderen Charakter bekommen. Dessen Züge im einzelnen zu
deuten ist noch kaum möglich, sie werden in der Hauptsache
bestimmt werden durch die innere Umlagerung der Volkskräfte.
Bisher war der innere Markt für Qualitätsprodukte im wesent-
lichen getragen von einer dünnen Oberschicht, deren Ein-
kommen und Lebensstil oft in krassem Gegensatz zu dem Elend
der breiten arbeitenden Massen aller Berufe stand. Die Kräfte,
die eine Zurückführung dieser volkszerstörenden Spannung auf
ein erträgliches Maß erstreben, sind zur Zeit erst im Anfang
ihrer Wirksamkeit, aber nur ein Blinder kann die Wucht und
Dauerhaftigkeit unterschätzen, die diesen Kräften innerhalb der
Gesamtbewegung zukommen. Das bedeutet aber, daß die
Qualitätsforderung in der gewerblichen Produktion sich in ganz
anderm Maße als bisher richten muß auf die für einen breiten
Abnehmerkreis bestimmten Erzeugnisse. Damit eröffnet sich ein
ungeheures Feld der Propaganda und Erziehung, und zwar der
Erzeuger wie der Verbraucher.

Die Erzeuger in Handwerk und Industrie stehen heute solchen
Anforderungen in einer sehr bedrängten Lage gegenüber. Der
Druck der Absatzkrise auf Preise und Gewinnspannen mußte
vielfach fortwirken auf die Qualität der Leistung; hier kann
der Umschwung ausgehen von dem wiedergewonnenen Ver-
trauen und weitergetragen werden von einer Besserung der
Wirtschaftslage. Dann aber wird eine zweite Schwierigkeit
sich erst recht bemerkbar machen: der Mangel an geschultem
Nachwuchs, eine der schwersten Folgen der Massenarbeits-
losigkeit der Jugend. Große Mittel, zähe Energie, enge Zu-
sammenarbeit von Staat, Berufsständen und der Jugend selbst
werden nötig sein, um die Schulung der jungen gewerblichen
Arbeitskräfte nach Höhe und Breite wieder auf den für Deutsch-
land lebensnotwendigen Stand zu bringen. Stoßkraft und Mo-
ral der neuen Jugendbewegung bieten für eine solche Erneue-

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