Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 8.1933

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örterung bleibt, in die handgreifliche Atmosphäre des Gebietes
hineinzusteigen. In Zusammenhang mit verschiedenen Hand-
werkerverbänden wollen wir handwerkliche Arbeitsgänge und
Techniken in Wort und Bild behandeln. Auch dabei soll das
wirtschaftliche Moment stets als Fragestellung dahinter stehen.

Wir sind eine Zeitschrift, die auch mit den Mitteln der
Illustration etwas aussagen will, allerdings in strengem Zusam-
menhang mit dem Text. Das was gezeigt wird, kann ihr nicht
Geschaffenes sein, hinter das wir uns vollkommen stellen, das
wir hundertprozentig bejahen.

Wir müssen den Leser orientieren über das Wichtigste was
entsteht, wenn es irgendwie als Aufgabestellung und als Ver-
such einer Lösung eines Problems seinen Wert hat. Das heißt
aber nicht, daß wir nur berichtend einer Stellungnahme aus
dem Wege gehen wollen.

Wir wollen in Zukunft aber auch dem Bild insofern eine
besondere Bedeutung beimessen, als wir mehr ins Leben hinein-
gehen wollen und nicht nur geschaffenes Werk zeigen, sondern
auch Vorgänge und Geschehen illustrieren. In dem Sinne etwa
wie die in diesem Heft veröffentlichte Bildfolge „Bild und
Gesellschaft". Hier hoffen wir noch zu einer ausdrucksvolleren
Form zu gelangen.

Um all das bisher Gesagte noch einmal kurz zusammen-
zufassen: Im Augenblick ist das Ergebnis, das Werk, nicht das,
was im Vordergrund stehen kann. Unser Augenmerk muß
mehr gerichtet sein nach zwei Richtungen: einmal auf die
Grundlagen des Werdens und Schaffens. Das ist das Gefüge
der untereinander eng verbundenen Gebiete des kulturellen
Lebens. Das ist der Ausblick von unserem Gebiet hinaus in
das Leben und Geschehen. Die zweite Blickrichtung ist die
in das Arbeitsgebiet zurück, in seine Grundlagen. In den
Prozeß des Schaffens, in die Details. Details technischer, wirt-
schaftlicher oder psychischer und soziologischer Art.

Die Richtschnur und das Maß aller Betrachtung muß der
Mensch sein, seine Gestaltung des Lebens und der Umwelt als

ein Suchen nach Schaffung von Werten in und außerhalb
seines Lebens, besser über sein Leben hinaus. Es ist notwendig,
das einmal nachdrücklich auszusprechen, weil denen, die die
Maschine als Werkzeug bejahen und sich für eine sinngemäße
Durchgestaltung der Maschinenarbeit einsetzen, oft der Vor-
wurf gemacht wird, daß sie Technik und Maschine mit ihren
Gesetzen über den Menschen stellen.

Es ist in der letzten Zeit viel von der Jugend gesprochen
worden, die eine stärkere Beachtung ihrer Arbeiten und Ideen
verlangt. Wir sind stets für die Jugend eingetreten, aber hier
ist es notwendig, nicht einzelnen Gruppenbildungen den Vor-
zug zu geben, sondern der wirklich jugendlichen Idee und der
wirklich jugendlichen Leistung.

Wir wollen dieser Frage ein erhöhtes Interesse zuwenden. Es
ist notwendig, ein möglichst klares Bild von der Jugend zu
geben. Sie selbst soll in dieser Zeitschrift ein Bild ihres Wesens
und Wollens aufzeigen. Wir bitten die jugendlichen Schaf-
fenden um rege Mitarbeit. Bei dieser Darstellung, die möglichst
viele Lager berücksichtigen soll, sollen auch Entwürfe ab-
gebildet werden. Wir lehnen es aber weiterhin ab, Entwürfe
ihres Selbstwertes halber abzubilden und nicht im Zusammen-
hang mit der Darstellung einer Idee, denn erst das Leben
formt die Dinge und nimmt sie an als ein Teil oder es ver-
stößt sie.

Wir haben absichtlich nicht die Gebiete und die Themen
genannt, sondern die Einstellung geschildert, mit der wir an
die Arbeit gehen, die Aufgabe, die sich uns bietet. Uber die
besonderen Fachgebiete zu sprechen, ist in dieser Zeitschrift,
die eine bestimmte Tradition hat, nicht notwendig. Dennoch
sei angekündigt, daß die Königin aller Gestaltung, der Städte-
bau, einen breiteren Raum einnehmen wird. Auch die Sied-
lungsfragen, die wir wiederholt angeschnitten haben, sollen
weiter behandelt werden, vor allem in engstem Zusammenhang
mit den Problemen der Landesgestaltung und des Städtebaus.

W. L o t z.

Ist eine Soziologie der Kunst möglich?

ADOLF BEHNE

Soziologie der Kunst . . . das ist entweder eine Binsen-
wahrheit oder Diktatur eines Dogmas . . . kann es auch eine
Wissenschaft sein?

Walter R i e z I e r hat hier mehrfach in äußerst dankenswerter
Weise die Probleme der Kunst-Soziologie behandelt. Nicht
um ihm zu widersprechen melde ich mich zum Wort, sondern
um, von einer ähnlichen Grundhaltung aus, einige Ergänzungen
zur Debatte zu stellen.

Wenn Soziologie der Kunst eine Wissenschaft sein soll, so
wird sie meines Erachtens ihre Untersuchungen ganz strikte
auf die künstlerische Form richten müssen. Eine Soziologie der
Kunst, der es gelänge, die Inhalte, die Verwendungen und
Zwecke der Kunstwerke auf die Gesellschaft zurückzuführen,
gäbe uns meines Erachtens immer nur Binsenwahrheiten. Wenn
für die „Internationale Kunst-Ausstellung Venedig 1930" den

italienischen Malern das Thema „Marsch auf Rom" gestellt
wird, so muß doch wohl Mussolini diesen Maisch zuvor voll-
zogen haben. Und wenn die Sowjets jetzt Kirchen und
Schlösser der Zarenzeit in Klubs und Sanatorien für Arbeiter
und Bauern umbauen, so muß in diesem Lande die Diktatur
des Proletariats zuvor Tatsache geworden sein. Warum diesen
gesellschaftlichen Vorgang erst rückwärts mühevoll aus dem
Kunstwerk herauslesen? Prinzipiell können wir anerkennen, daß
der Auftrag an den Künstler, daß Inhalt und Verwendung oder
Zweck eines Kunstwerkes zu fast 100 Prozent von der Gesell-
schaft abhängen, von ihr herkommen . . . kein Wunder also,
daß wir diese gesellschaftlichen Akte im Kunstwerk wieder-
finden.

Gewiß liegt das nicht immer so offen zutage wie in unseren
Beispielen. Da Walter R i e z I e r vor einiger Zeit hier auch

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