Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 8.1933

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Blick gegen den Eingang der Ehrenhalle auf der Ausstellung „Die Kamera" in Berlin. Großfotos angefertigt von Wilhelm Niemann. Gestaltung der
Halle: Winfried Wendland.

Zur Ausstellung „Die Kamera

über die Fotografie ist in den letzten Jahren viel geredet
und geschrieben worden. Viele sahen in ihr eine Kunst, und
zwar deshalb, weil sie ein Dokument des „neuen Sehens" ist.
Andere bezeichneten sie als ein Ausdrucksmittel unserer Zeit.
Die alte Generation der Fotografen zog das Samtjackett an
und fotografierte ä la Rembrandt oder ä la Gainsborough,
die jüngeren schwelgten in den Mitteln der Fotomontage, der
Negalivabzüge und suchten Motive, deren Abbilder den Bildern
der gegenstandslosen modernen Malerei glichen.

In seinem Aufsatz über die Berufsfotografie legt in diesem
Heft Wilhelm Niemann dar, daß er als Fotograf in der Foto-
grafie nichts weiter als ein gutes Handwerk sieht. Bescheiden
wir uns bei dieser ehrlichen Feststellung, dann werden wir
auch an die Fotografie in technischer Beziehung höhere An-
forderungen stellen. Das ist aber auch bitter notwendig, denn
wer wie der Verfasser Gelegenheit gehabt hat, sämtliche
Einsendungen der deutschen Berufsfotografen für die Ausstellung
„Die Kamera" durchzusehen, der weiß, wie es um die technische
Qualität in diesem Handwerk steht. Ein gutes Portrait her-
zustellen, ist doch eine alltägliche Aufgabe für den Fotografen.
Auf der Ausstellung hängen die von der Jury für gut be-
fundenen Portraits in einem Raum zusammen. Nimmt man aus
der Abteilung der G.D.L. die Bildnisse noch hinzu, so hat

man zwar eine kleine Zahl guter fotografischer Portraits, die
aber vor der geschlossenen Reihe der Bildnisse von Hugo
Erfurth in Dresden verblaßt. Das ist eine seltsame Feststellung,
daß das wahre Können nur auf wenige beschränkt ist. Gute
einzelne Arbeiten besagen ja noch nichts für die Gesamt-
leistung. Die Bildnisfotografie ist das eigentliche Brot des Foto-
grafen. Die geschlossene und vorbildliche Leistung Erfurths zeigt,
daß dieses Handwerk seine Führer hat und daß ihm Weg
und Ziel vorgeschrieben sind. Die Bildnisfotografie ist ebenso
wie das Portraitieren ein Handwerk, das auch einer besseren
Pflege seitens der Besteller bedarf. Diesen Zustand aufzuzeigen
und festzustellen, daß das Handwerk noch viele Aufgaben zu
lösen hat, um zu einer breiten guten Produktion, zu einem
wirklichen Niveau zu gelangen, hat entwicklungsmäßig ge-
sehen, doch etwas Erfreuliches. Es sei hier bemerkt, daß es
falsch wäre, wenn man auf einzelne gute Leistungen der
Amateure auf dem Gebiet der Bildnisfotografie hinwiese, um
diese dem Fachfotografen vorzuhalten. Von einem Menschen,
mit dem man viel zusammen ist, den man gut kennt, unter
vielen mißglückten auch einmal ein zufällig gutes Portrait zu
erhaschen, ist nichts Besonderes. Der Fachfotograf dagegen
wird plötzlich vor die Aufgabe gestellt, von einem ihm fremden
Menschen mit Sicherheit ein gutes Portrait herzustellen.

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