Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 8.1933

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Kunstbücher der letzten Zeit

Unsere bewegte Zeit findet wohl heute kaum die Ruhe, sich
mit literarischen Ergebnissen und Erscheinungen abzugeben,
nachdem man ihnen in den vergangenen Jahren vielleicht
einen zu großen Wert beigemessen hat.

Wenn wir im folgenden auf Kunstliteratur hinweisen wollen,
so geschieht es deshalb, weil es sich hier um Neuerscheinungen
handelt, die in ihrem Bildmaterial oder im Thema interessante
Sammlungen darstellen.

G. A. Platz hat zu seinem Buche von der Baukunst der
neuesten Zeit einen Ergänzungsband geschrieben „Wohn-
räume derGegenwart" (Propyläen-Verlag, Berlin. Halb-
leinen RM. 34—, Halbleder RM. 38,—).

Wir Nationalsozialisten müssen ja sagen, daß wir grund-
sätzlich zu diesen ganzen Fragen anders stehen. Wir gehen
gerade beim Wohnraum vom Volk aus. Und so ist uns der
Wohnraum als solcher keine formale, ästhetische Frage,
sondern eine Frage der Kultur, die schon bei den sozialen
Dingen beginnt.

Darum liegt in dem Platz'schen Buch gleich in der Frage-
stellung und im Thema ein Grundfehler. Die Wohnung ist der
Inhalt des Hauses. Haus und Wohnung sind eins! Sie zu
trennen ist unmöglich.

Dieser Grundfehler zerstört vieles an der Wirkung des
Buches, denn diese kann nun nur ästhetisierend sein. Und da
müssen wir sagen, daß die Zeiten sich doch grundlegend ge-
wandelt haben. Wir sind innerlich längst über diese formalen
und ästhetischen Moden hinausgewachsen. Das Buch könnte
für uns also nur heißen: „Wohnräume der letzten 14 Jahre".
Als solches ist es sorgfältig zusammengestellt. Ein überaus
reiches Abbildungsmaterial — leider doch etwas zu einseitig —
zeigt uns ein geschlosseneres Bild, als es tatsächlich war.

So muß man die Arbeit mit etwas Wehmut betrachten.
Denn man weiß heute schon, daß man in drei bis vier Jahren
über diese Zeit noch ganz anders denken wird als jetzt. Zum
Beispiel glauben wir, daß man dem frühen Kampf von
Männern wie Schulze-Naumburg, Tessenow usw. viel mehr
Beachtung schenken wird, als dem Charlatan Corbusier. Möge
Corbusier in seiner geistreichen Frechheit, mit der er die Ge-
schichte, die er nicht kannte, verdrehte, auf die oberen Zehn-
tausend einer Geldaristokratie und auf die Kunstliteraten ge-
wirkt haben, das deutsche Volk hat ihn nie ernst genommen!
Darum bedauern wir, daß ihn Platz so ernst nimmt! Vieles
andere wäre noch, bei dem wir ernsthafte Fragen an den
Verfasser zu richten hätten, aber wir möchten uns damit be-
gnügen, festzustellen, daß die Zeit bereits weit über dieses
Buch hinausgewachsen ist. Es bleibt uns als Materialsamm-
lung der „neuen Sachlichkeit". —

Wenn wir nun im folgenden Bücher der künstlerischen Ver-
gangenheit bringen, so soll damit gesagt werden, daß wir
uns mehr denn je der künstlerischen Vergangenheit unseres
Volkes entsinnen müssen. Nicht um toten Formen um der
Form willen nachzugehen, sondern um jenen Geist in uns
wach weiden zu lassen, der letztlich immer kulturschöpferisch

in unserem Volke war, den Geist des Dienstes am Werk.
Gerade weil wir die Gegenwart bejahen, deshalb erkennen
wir die Vergangenheit als den Maßstab unserer Leistung.
Vor ihr haben wir uns zu verantworten. Ihre Kenntnis ist des-
halb wichtigster Bestandteil unserer Bildung, nicht im toten
Wissen, sondern im Erlebnis.

In diesem Sinne begrüßen wir immer wieder die nicht nur
buchtechnisch ausgezeichnete Sammlung des Deutschen Kunst-
verlages In Berlin „Deutsche Lande — Deutsche
K u n s t".

Welch' eine unerhört reiche Welt deutscher Kunst enthält
solch ein Band wie „Mecklenburg". Die gesamte Entwicklung
ostdeutscher Baukunst steht uns vor Augen. Man redet oft
von der künstlerischen Armut Ostdeutschlands. Mehr noch als
Renger — Patzsch' wunderschönes Buch von den Ostdeutschen
Backsteindomen gibt dieser Sammelband einen Überblick über
die Schönheit eines kleinen Teiles von Ostdeutschland und die
Fülle der Schätze selbst in den kleinsten Dorfkirchen.

Ein anderer Band „Erfurt" zeigt die mittelalterliche Haupt-
stadt Mitteldeutschlands. Erfurt war damals nicht nur eine be-
deutende Handelsstadt, sondern auch geistig von höchster Be-
deutung. Das zeigt die Fülle an Kunst in seinen Kirchen und
Bürgerhäusern.

Der neuerschienene Band „Kassel" behandelt die alte Resi-
denz der hessischen Kurfürsten. Eine mittelalterliche Stadt
wird zur Residenz. Die Reize mitteldeutschen Fachwerks und
gotischer Kirchen mischen sich mit dem Barock und strengen
Zopf fürstlicher Baukunst. Nur die Einfügung des Altersheimes
von Otto Haesler, eines exzentrisch modernen Baues, stört in
diesem Werk.

Ein ganz wohlgelungenes Werk desselben Verlages ist der
neueste Band der Reihe „Deutsche Dome": „Die Kaiser-
dome Speier, Mainz und Worms", von Walter Hege und Hans
Weigert. Hege, wohl einer unserer besten Architekturphoto-
graphen, der bereits den Naumburger Dom und den Bam-
berger Dom aufnahm, dazu den Dom zu Xanten, ferner die
Akropolis, hat hier wieder ausgezeichnetes Material hergestellt.
Diese Fülle künstlerischer Gestaltungskraft, die aus diesen alten
Domen zu uns spricht, zeigt uns eine ganz große Gesinnung
von Bauherr und Künstler der großen deutschen Kaiserzeit!
Nur die wehmütige Erinnerung, daß zweimal diese Ruhestätten
deutscher Kaiser von der plündernden Soldateska der „grande
Nation" erbrochen, durchwühlt und geschändet wurden, läßt
uns nicht in den vollen Genuß dieser herrlichen Bauten
kommen. Das Buch ist in jeder Hinsicht ausgezeichnet und
reiht sich den anderen der Reihe würdig an.

Der Text von Weigert ist klar und übersichtlich. Er gibt
eine gute Deutung der Bauten und ihres Werdens.

Da nun diese herrlichen Bücher der Sammlung „Deutsche
Dome" endlich auch einen erschwinglichen Preis haben, kann
man diese Bücher, auch das letzte, vorbildlich nennen.

W. Wendland.

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