Furtwängler, Adolf
Meisterwerke der griechischen Plastik: Kunstgeschichtliche Untersuchungen (Text) — Leipzig, 1893

Seite: 526
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SKOPAS

vergleiche den Kopf des Apoxyomenos; wem das so ganz verschiedene
geistige Wesen nicht entscheidend scheint, vergleiche die Stirne: der Apo-
xyomenos ist der erste datierbare Jünglingskopf, an welchem die hori-
zontale Gliederung der Stirne als eine Hautfurche gebildet ist;1 am Ares
erscheint hier nur glatte Modellierung der Form, wie in der gesamten vor-
lysippischen Kunst. Wenn der Meleager neuerdings, wie ich glaube mit Recht,
dem Skopas zugewiesen worden ist,2 nachdem man ihn ebenfalls früher
als lysippisch angesehen hatte, so gehört auch der Ares dem Skopas; denn
er ist der nächste Verwandte jenes Meleager. Die kräftige Umrahmung
des tiefliegenden Auges, der feurige unruhige Blick in die Ferne und die
atmende Lebendigkeit in Mund und Nasenflügeln3 sind sich hier ebenso
ähnlich wie sie als echt skopasisch bezeichnet werden dürfen. Eine exakte
Kopie ist der Ludovisi'sche Ares freilich nicht, schon weil er ein Kolossal-
werk verkleinert; und dann ist er eine recht massige, flüchtige Arbeit; ferner ist
der kleine Eros unten, der dem Stile der Statue widerspricht, indem er dem
hellenistisch-römischen Erostypus angehört, ebenso wie der verlorene ver-
mutliche zweite Eros4 Zuthat des Kopisten. Wie gern man in römischer
Zeit den Ares als Verliebten darstellte und diesen Gedanken in die älteren
griechischen Werke durch kleine Zuthaten übertrug, haben wir schon
früher bemerkt (S. 121 Anm. 5. 124). Das Original des Skopas wollte
gewiss nicht den tändelnden Verliebten, sondern den innerlich ruhelosen
Schlachtengott darstellen, der, wenn er sitzt, nicht in ruhiger Würde sich
präsentiert wie die anderen Olympier, sondern, nur mit sich beschäftigt,
ohne Rücksicht auf die Aussenwelt, sich giebt wie es ihm bequem ist, und
wie er ungestört auf neue Thaten sinnen kann. Schon Phidias hat das
Motiv am Parthenonfries (S. 191) als charakteristisch für Ares verwendet

Führer 877. Roscher's Lexikon I, 490 f. M. Mayer, Arch. Anzeiger 1889, S. 41 denkt auf
Grund des angeblich lysippischen Charakters an Piston's Mars in Rom.

1 Aelter ist wahrscheinlich der bärtige Anytos des Damophon, an dem schon Stirnnaut-
falten leicht angedeutet sind; derselbe stellt aber ein vorgerückteres Alter dar.

a B. Graf in Rom. Mitth. 1889, 218 ff. Zu den von Graf aufgezählten Repliken kommen:
ein als Hermes ergänzter Torso im Palazzo Torlonia, ein Torso im Louvre aus Rom 1884,
eine kleine Replik im Palazzo Doria (ohne Chlamys, Kopf gering, doch zugehörig, Hals neu,
Eberkopf alt, an falscher Stelle auf den ergänzten Stamm gesetzt), ein Kopf der Sammlung
Jacobsen No. 1071 (mittelmässiges Exemplar). — Dass die Chlamys wahrscheinlich eine Zuthat
einiger späten Kopisten ist, ward schon oben S. 362 bemerkt. — Es liegt nahe, zu vermuten,
dass der Meleager des Skopas einst in Tegea stand.

3 "Wenigstens der rechte ist antik.

4 Der immer wahrscheinlicher ist als die anderen Ergänzungsvorschläge; der neueste
von M. Mayer a. a. O. ist der wenigst glückliche. Eine Replik in Neapel, ein Torso, hat
nach Flasch (Verhandl. d. 41. Philologenvers, in München; mir liegen durch die Gefälligkeit
von Hauser gute von ihm angefertigte Photographieen vor) keinen Puntello auf der linken
Schulter, die Zuthat fehlte also. Der Gott sitzt hier auf einem Pfeiler, nicht Fels. Der Schild
fehlt, kann aber, da eine Anstückungsfläche am Gewände der rechten Seite erscheint, angesetzt
gewesen sein. Die Arbeit des Torso's scheint derber und geringer als am Ludovisi'schen
Exemplar.
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