Göbel, Heinrich ; Göbel, Heinrich [Editor]
Wandteppiche (II. Teil, Band 1): Die romanischen Länder: Die Wandteppiche und ihre Manufakturen in Frankreich, Italien, Spanien und Portugal — Leipzig, 1928

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M a n l u a

Herzogtum Mantua.

M a n t u a.

Luigi Gonzaga übernimmt 1328 mit dem Titel eines Capitano die Regierung der
Stadt Mantua, im darauffolgenden Jahre betraut ihn Kaiser Ludwig mit dem Reichs-
vikariat. Mit rücksichtsloser Tatkraft baut Luigi an der Macht seines Hauses, er wird
zum Begründer der Dynastie Gonzaga, der Fürsten von Mantua. Mit der Festigung
der Herrschaft beginnt naturgemäß das Streben nach äußerer Repräsentation, durch
eine wohlgeordnete Fiuanzwirtschaft gezügelt und in klare Bahnen gelenkt (1). Ver-
hältnismäßig schnell sammelt sich ein bedeutender Textilienschatz an; das Inventar
Franz Gonzaga's IV. vom 8. Juni 1406 weist bereits einen stattlichen Bestand an Bild-
teppichen auf, die durchgängig den Manufakturen Arras und Paris entstammen, von
örtlichen Erzeugnissen ist noch nicht die Rede. Erst 1419 hören wir von einem
einheimischen Atelier; Joannes Tomae de Francia (Gian Tommaso di Francia) tritt in
Erscheinung. Papst Martin V. weilt in der Stadt, er betraut den Meister mit zwölf
Wappen, für einen Baldachin bestimmt (2). Der Gedanke liegt nahe, an Stickereien
zu denken, zumal es nicht allzu selten vorkommt, daß die frühen Textilküastler — man
denke nur an die Manufaktur Lille — sich mit beiden Techniken befaßen. Die
späteren Arbeiten des Meisters beweisen jedoch mit Sicherheit, daß es sich tatsächlich
um Wirkereien handelt. „Zaninus de Francia, magister ab apparamentis" figuriert
1421 (1422) als wohlbestallter Hofwirker in der Liste des landesherrlichen Haushaltes;
in erster Linie dürfte seine Tätigkeit durch die Verwaltung des umfangreichen Textilien-
schatzes, durch Reparaturarbeiten, Auf- und Abhängen bei festlichen Gelegenheiten,
Reinigen und Lüften der Teppiche in Anspruch genommen worden sein. Meister Jan
bezieht seit dem 1. Juni 1423 ein Monatsgehalt von einem Golddukaten, das 1429 auf
das Dreifache erhöht wird. Bis um 1442 ist der „magister ab apparamentis a banca-
libus a tapezariis" für das Haus Gonzaga tätig. Über den guten handwerklichen
Durchschnitt gehen seine Leistungen nicht hinaus. Er arbeitet 1423 verschiedene
„banchalia" in Wolle: einfache Behänge, wohl mit den üblichen Blumen- und Wappen-
motiven. Schon interessanter gestaltet sich der Auftrag aus dem Jahre 1433. Gian-
francesco Gonzaga wird 1432 vom Kaiser Sigismund zum Markgrafen von Mantua er-
nannt. Was lag näher, als das Wappenschild des nunmehrigen Marchese in reicheren
Bildbehängen zu verewigen; die Folge umfaßte fünf Teppiche mit den Hoheitszeichen
des Landesherrn. Das Luxusbedürfnis der neuen Markgrafen nimmt lebhaftere Formen
an, die wollenen Teppiche wollen nicht mehr genügen; 1433 reist Jan mit einem Fach-
genossen nach Venedig, um in der alten Handelsmetropole eingefärbte Seide für seine
Wirkereien zu erwerben. Diesmal zeigen die banchalia, die Markgräfin Paola bestellt,
figürliche Motive. Eine ähnlich feine Arbeit erscheint in dem urkundlichen Belege
vom 10. März 1436 (3). Das in der Darstellung nicht näher erläuterte, mit Seide
durchwirkte Rücklagen mißt in der Länge sechs Mantuaner| Ellen (4); der Quadrat-
ellenpreis wird auf einen Golddukaten festgesetzt, für die damalige Zeit ein recht an-
sehnlicher Betrag. Im gleichen Jahre, am 31. Dezember, bezieht der Meister insgesamt
124 libri 10 soldi für zwei „banchalia" — 18 Mantuaner Ellen lang, der Einheitssatz
ist der gleiche — und ein golddurchwirktes Rücklaken — 8 Mantuaner Ellen lang —,
die Einfügung der Metallfäden bedingt die Erhöhung des Quadratellenpreises auf
17a Golddukaten.

Fast zur gleichen Zeit wie Meister Jan erscheint ein Niederländer oder Franzose,
Niccolö di Francia, in den Annalen der Manufaktur. Er arbeitet in den Jahren 1420/21
nach Patronen des aus Cremona stammenden Giovanni Corradi (5), — die Vergütung
der Kartons beläuft sich auf 2 libri 2 soldi —; es handelt sich um die üblichen, auf

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