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Der Heidelberger Student: Akademische Mitteilungen — Heidelberg, Mai 1929 - Februar 1938

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https://doi.org/10.11588/diglit.2779#0387
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Heidelbern, i». Rovrmbrr l»sr / Rr. 1

Wnter.Semeftrr 1SSL/SS171. Halbjahr)

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echrtfttett»««: St«rm. Scherderger, Six; verantwortltch Sturm. «edaM,»: «eschLMimmer der D.St.H.. rheaterftraße I« <»jli«ha«»); Ma»«jkripte ««r a« dieje «drejjr.
Drart «nd «»»etgenavnahme: Dmlkerei «t»ter. Hetdelder«. Lntherjtr. LS. SemWmcher LMS. - Die «dgade a» die Ttndierende« «»d Dozente« der »»tverjitSt
Heideiderg erfolgt «nmtgelttich. veMg j«r Richtft»diere«de d«rch de» B«chha«del oder BerkanjSjlelle«. M«»elpreiS I« Pjg.

Postjchea.»o«t» Rr. IlLSl »arlSmh« i» Vade«.

Zmmatrikulationsrede

Sr. Magnifizenz des Rettors, Aerrn Prof. Dr. Andreas dei der
Irnmatrttulatton am 8. November 1S32.

Meine Damen und Herren! Liebe Kommilitonen!

Wenn ich Sie heute in seierticher Form in die
Gemeinschaft der Universität ausnehme, so dürsen
Sie alle unserer herzlichsten Wünsche sür Studium
und Leben, sür Gegenwart und Zukunst im vor-
hinein gewiß sein. Denn leicht haben Sie eS nicht.
Die meisten von Ihnen sind von den brennenden
RSten der Gegenwart bereitS mitergrifsen vder
bedroht, vom Wirtschaftselend, Berussverstopftmg
und geistigen Krisenerscheinungen ciner ungeheuren
Aeitenwende. Als denkende Menschen leiden Sie
alie unter der Vernichtung alter Kultnrwerte und
den Krämpsen neuen Werdens, das seinen Jnhalt
und seine Form erst sinden will. Sie leben in
einem Baterland, dessen Zerrissenheit zum Himmel
schreit und daS doch angesichts seiner Bergewalti-
gung durch einen ungerechten Friedensvertrag und
der Bedräuung durch mancherlei Zuknnstsgesahren
die innere Einheit notwendiger bräuchte als
jemals. Sie strömen mit einer Borbildnng, die
zum Teil unseren Ansorderungen nicht genügt, in
Massen zn den Hochschulen. Wir können unserer-
seitS diesen Zustrom, der die persönliche Erfassung
des einzelnen beinahe unmöglich macht, und das
wissenschastliche Niveau herabdrückt, kaum bewäl-
tigen und müssen unerbittlich sieben, um nur
die wirklich Tüchtigen ihren Berufen zuzusühren,
und meist sind ja anch in glücklicheren Zeiten die
höchsten Leistnngen in Leben und Wissenschaft
Früchte des Kampfes und der Rot.

Die Universität aber, der Sie nahen, ist
selber tief und mannigsach verschlungen in die all-
gemeine Problematik des Zeitalters und der gegen-
wärtigen Wissenschaftssituation, Sie ist sreilich,
wie ich gleich hinzusügen möchte, in ihren Grund-
sepen nicht so erschüttert und auch nicht so über-
altert, wie oberflächliche Kritik und Mißgunst ab
«nd zu behaupten. Eben die Tatsache, daß die Hoch-
schule durch den Zeitenswrm so stark in Mitleiden«
schaft gezogcn ist und selber den Widerhalk davon
hundertfältig der Osfentlichkeit zurückgibt, ist ein
Zeichen dafür, daß wir lebensvoNe Glieder im KSr-
per des Ganzen geblieben sind, und sein Schicksal
tetlen. Ja, eS muß eimnal ausgesprochen werden,
datz ohne dic gewaltigen Leistungen der deut-
schen Hochschulen in Vergangenheit und Gegen-
wart unser Volk den Kampf um Leben und
Tod, in dem es nach wic vor sich bcsindet, wahr-
scheinlich endgültig verloren hätte.

Jmmerhin, auch bei uns in den akadcmischcn
Bezirken stchen die Dinge ernst. Tie Sckatten
sallen auch auf Ihren Studienweg, nnd manchmal
hat eS sogar den Anschein, als schliche sich Entsrem-
dung ein zwischen Lehrende nnd Lerncnde, und
man könnte meinen, es verschärfte sich neben jenen
Mißhelligkeitcn, die mehr aus den Niederungen
dcr Tages- und Parteikämpfe aussteigen, auch der
natürliche Gegcnsatz der Generationen und zwar
übcr das Maß dessen hinans, was er allzeit im
Leben der Menschen und für die notwendigen
Spammngen lebendiger Entwicklung bedeutet.
Ein Tcil der Jugcnd gibt überdies zuerknnen,

ß die Universität dem Führeranspruch, der an
^rc zu stellen sei, nicht entspreche, und daß sie jich
daher von Grnnd ans zu ändern habe. Dieser Vor-
jvurs wirft weittragend« Fragen anf und fordert
zur Selbftbesinnung auf darüber, waS die Uni-
versität der Jugend zu geben hat, aber auch, tvas
sie ihrem Wesen nach zu sein vermag. Da anderer-
seitS die Forderungen jener Art vft aus heißer
Leidenschast jür den Staat und die Befreiung
Deutschlands, die mit Recht dem heranwachsen-

erhoben werden, erlaube ich mir heute, ans dem
Gesühl auftichtiger Verbundenheit mit Jhnen
und dem Wunsche, daß Sie selber sich so innig wie
möglich mit dem Geiste akademischer Gemeinschaft
dmchdringen, einige Worte über daS Verhältnis
der Jugend zur Universität zu sage».

Politische Führung ist nichts, was angelernt
werden kann, sondern Sache der persönlichsten Be-
gabung, der innersten Bernsung, wenn sie wollen,
der Gnade. Wer die dazu erforderlichen Eigen-
schasten nicht hat, dem können sie nicht eingeimpft
werden. Führer sind weder nach einer wissen-
schastlichen noch sonst einer Anleitimg herzustellen.
Wollte man es versuchen, sie wiirden dem Homim-
cnlus im Faust gleichen.

Wohl aber vermögen Mächte der Überliefe-
rung wie der Erziehung den Jührer, der dazu
geboren ist, oder kraft seiner Bestimmung in der
Praxis sich cntwickelt, geistig zu stärken, seinen
WirklichkeitSsüm zu verseinern uud zu schürfen,
seinen Blick zu weiten, vor allem können sie auch
sein Verantwortungsgesühl erhöhen. Selbst
Jene Wissenschaften, die sich nicht unmittelbar mit
dem staatlichen und geseklschaftlichen Leben ße-
fassen, haben dem Manne, der in crster Linie dem
Staate und der Nation diencn will, mancherlei anf
den Weg mitzugeben. Jch meine damit einmal
eine bestimmte Berufsschulung: Wissen und
Kenntnisse haben noch nie einem angehenden
Politiker gcschadet, stcllen sie doch ein Stück Wirk-
lichkitsdurchiÄngung dar; sie schließen den heil-
samen Zwang zu Können und Leistnng, zu plan-
mäßiger Arbeit, zu umsichtigster Anwendung aller
Mttel am rechten Platz und im richtigen Augenblick
mit ein. Die Wissenschaft erzieht, indem sie die
selbstlose und unbedingte Hingabe ihrer Jünger
verlangt, zum Dienst am Werk, zur Unterordnnng
des Menschen nnter höchste Gedanken uud Ziele.
Wer diese Hingabe nicht besitzt und übt, verdient
den Ramen eines StaatsmanneS nicht. Es gibt
genug Gelehrte, die hier der Jugend als Vorbild
schlechthin dienen können. Jch bitte Sie, sich darauf
zu besinnen, daß zahlreiche Naturforscher, die
der Politik gänzlich fern oder geradezn ablehnend
gegenüberstehen, durch ihre Entdeckungen das An-
sehen Deutschlands gemehrt haben.

Wie stark vermag doch die Weltg eltung der Wissen-
schast anch anf die internationale Stellnng eines
Volkes rückzuwirkcn nnd sie zu hebcn I — Lhne die
Ehrfurcht vor dcr schöpferischen Arbeit,
wie sic in der Stille unserer Laboratorien, Kliniken
imd Jnstitute verrichtet wird, würden Sie, meine
Tamen und Herren, nicht das innere Recht be>
sitzen, sich Mitglieder einer Univcrsität zu nennen.

Wehc dem jungen Akademikcr, der die Iahrc
jngendlicher Empfänglichkeit und weitester Aus-
bildimgsmöglichkcitcn, in vcrftühtem Ehrgeiz dazu
verwendct, sich nach außen hin zu betätigen, statt
in ernster Anspannung nnd Konzcntration auf die
ihm gemäße Lebensform sich das inu?:-: Recht
und die Borbildung zu erwerben, die ihn bcfähigen,
sich später auch dem politischen Tienst am Vster-
kande zu widmen. Wie in ftüherer Zeit besitzt auch
die modernc UniversitSt trotz der Ungunst der Suße-
ren Berhältnisse, schöpserische Geister in reicher Zahl,
und vielleicht sind jene die Bezwingendflen, die in
ihrem Forschmigs- und Arbeitsbereich Führer sind,
ohne sich selber dessen zu rühmen und es ablchnen,
sich Weihrauch spenden zu lassen.

Jch rede damit keiner weltfremden Gelehr-
samkeit das Wort. Tenn echte Wissenschast reicht
mit ihren Fragen und Zweifeln, so wie sie aus den
> Rätseln unsereS eigenen DaseinS aufpeigen, mit

tausend seinslen Fädcn in die vielverschlungenen
Geheimnisse des LebenS hinein, und von geistiger
Berbildung wünschcn wir Sie fteizuhalten.

Darum gönnen wir auch den Lcibesübungen
und krästigenden Spielen gerne Raum in
unseren Lehrplänen. Möge Jhnen die Körper-
ecziehung mehr sein als nur eine stählende Schule für
Leib und Glicder. Mögc sic vor allem auch der
Kräsügung Jhrer Entschlußkrast, der Festi-
gung Jhres CharokterS diencn, der zuchtvollen
Herrschast über sich selber, dem nobeln Wetteifer,
der im Gegncr sich selber ehrt und in Sieg oder
Riederlage Bnstand und Gesittung bewahrt. Dies
alles sind Eigenschaften, die nicht bloß vom Sport-
kämpser verlangl werden. Sie gehüren zum Wesen
der sittlichen Persönlichkeit, «nd nwhre Bürger-
tugend ist ohnc sie nicht denkbar. Echtes Führertum
dmf sie bei aller kämpserischen Leidenschaft niemals
vergessen.

Mehr denn je verlaugtwns« Lffeutliches Leben»
auf das wir Sie mit vorberciten helfen, in sciner
traurigcn Verwilderung darnach, daß vornehme
menschliche Haltung nnd ritterliche Gesin-
nung auch unter politischen Gegnern wieder
zu Ehren kommen.

Der Deutsche aber, der für sein unterdrücktes
und vergewaltigtes Bolk Achtung und gerechte
Behandlung im Kreise der Nationen fordert, wird
sie dem Deutschen, auch wenn dieser in einem ande-
ren weltanschaulicheu oder politischen Lager steht,
erst recht nichi versagen dürsen. Die akademische
Selbstverwaltung gibt Jhnen reichlich Gelegen-
heit zur Bewährung dieser Gesinnung. Wir
erwarten sie von Jhnen. Wir fordern sie.

Wer gegen dieses selbstverständliche Gebot poli-
tischer Sitte und nationalen Anstandes sich vergeht,
sündigt damit auch gegen den Geift der
deutschen Universität. Selber tief im Boden
unseres Bolkstums verwurzelt, mit höchsten Auf-
gaben der Forschung und Lehre, der wissenschaft-
lichen Erkenntnis und nationalen Bildimg betraut,
dazu berufen, dem Ganzen der Nasion zu dienen,
kann die Universität den Kampf der Theorien, der
Anschmmngen und Werturteile nur NSren nnd

Tas W2. 1932-33 stellt uk?s vor neue schwcre
Aufgabcn. Millionen dentscher Volksgenossen dro-
hen der drückenden Wirtschaftsnot zu erliegcn. Eng
damit ist ein geistiger und seelischer Niedergang ver-
bundcn, der den Glauben an die Nation unter-
gräbt. Nicht znletzt an uns liegt es, in dieser Zeit
Borkämpfer dafür zu scin, daß weiteste Kreise dcs
Bolkes für die Nation wiedergewonnen werden. Die
Rückkehr tauscnder Arbeiter in die Nation bedeutet
dc>» Fanal zur Jreiheit.

Konimilitoncn bedenkt, daß die Akademikernot
nicht von der allgemeinen Not des Volkes getrennt
werden kann Zeigt nicht nur durch tätige Mt-
arbeit, sondern auch dur-* i. er Verhaltcn, daß

fördern in der Haltung, dir ihrein iimcrsten Wejen
entspricht. Sie wird zwar allem Riiigeii lebendiger
Daseinsgewalten fteudig sich ersckilicßen, sie miiß
ihnen aber zugleich in reinem Erkeimtnissireben
und mit wissenschastlicher Äriük nnben in dem
Willen zu hüchster Sachlichkeit nud unbcdingier
Wahrheitsliede. Diese BorauSsetzungen und Er-
fordernisse unserer geistigen Gemcinschaft schließe»
die Wärme und Krost zielbewußler nationaker
Willensbildung durchauS nicht auS. Teni, cine der
mientbchrlichsten Grundlagen jcder Staats-
kunst ist ein von niederen Leideiischastcn i,„d eng-
stirnigen Vornrteilen mcht verduukeltcr Wirk-
ltchkeitssinn. Jhn vermögen zahlreiche Wisscn-
schaften unmittelbar anzurcgen imd zu cntwickeln.
Jch erinnere nur an die verschiedciisten Formcn der
Jn- und Anslandskunde, die sich die Jugcnd zu
nnserer Frende ost persönlich erioandert, dic Ein-
führung in die verschiedenftcn Zweige dcS Rechis-
und Verfassimgslebens, das Sludinm der Gcsetze
und TriebkSfte, welche den Gesellschaftsablauf
bestimmen, die Beschäftigimg mit der geistigen
Jndividualität der ftemden Bölker, nicht zuletzt die
Bersenkung in die lebendige Welt der historischen
Erkenntnis, im allgemcinen imd der dcutschen Äe«
schichte im besonderen. Dicse Erkeimtnis bcstehk
nicht darin, dcn modrigen Ztaiü' dcr Ielirhuiiderte
auszuwirbeln. Sie lehrt uns vftlmchr im Gewest -
nen die Gcgcnwart zu verstchen und des eigenen
SchicksalS bewußt zu werden, das der Äcstaltung
durch die schöpferische Macht großcr Meuschen harrt.

So führen vielerlci Wcge dcr Borbereitung aus
der modernen Univcrsität initten in die drängendsten
Fragen und Entscheidimgcn imscrcs gcgenwärtigen
Daseins hinein.

Jndem ich Sie nun in den KrciS unserer akade-
mischen Gemeinschaft aufnchme, crwarte ich vo»
Jhnen, daß Sie, meine liebe» Kommilimneir,
sich, wie es ouch der Staat von uns allen verlangt,
nicht bloß auf Jhre Rechte, souderrr auch stets auf
Jhre Verpflichturrgen besimrcn. Erfüllen S'» sich
mit dem Geiste, der uns, Jhre Lchrer, beseelt u»d
uns berechtigt, Sie als Führer Jhrer Studienjahre,
durch Wissenschaft ins Leben zu gelciten.

Durch den Handschlag, den Sie mir rummehr
leisten, geloben Sie, stets die akademische Ord-
nung zu wahren, den Gesetzcn der Universität
Gehorsam zu leisten und in Jhrem ganzen Sußeren
und inneren Leben sich allezeit bewußt zu sein, daß
auch Sie die Würds unserer Hochschrrle zu ver-
treten haben. Mt Rücksicht auf die große Zahl,
in der Sie hier versammclt sind, wird diese Ver-
pflichtung von Zweien ans Ihrer Mitte für alle
übernommen.

Jhr gewillt seid, in Opserbereitschaft die Rot zu
lindcrn. Jn Berantwortimg gcgenüber dem Bolke
und Vaterland setzt die dcutsche Ltuderrtenschaft
ihre ganze Kraft ein irr den Kampf gegen die Prole-
larisierung der akademischen Jugend.

Unsere Ziele sind dic Schaffung von Arbeits-
dienstlagern für die gesamte deutsche Jrrgend als
Grundlage der sozialen Erneuernng und die For-
derung der Wehrertüchtigung als Borbedingung
der nationalen Befteiung Deutschlands.

Um diese Ziele zu erreichen, bedarf es der Mit-
arbeit aller verantwortungsbewußten Kommili-
tonen. Keiner stehe bciseite.

den Geschlecht als vornehmstes Ziel vorschwebt,

Derttfchr Studenteuschast Hetdelberg

Scheel Sturm

Kommilitonen! Kommilitoninnen!
 
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