Universitätsbibliothek Heidelberg, Heid. Hs. 3930,B.II 2.6
Kühn, Johannes
Zum 150. Todestag von Friedrich dem Großen (Typoskript, Durchschlag): Gedruckt in: Dresdner Neueste Nachrichten Nr. 191, 16.08.1936 — [1936]

Seite: 1r
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Zum 150,tag von Friedrich d.Gr. Dresdn.Neueste Nachr. Nr.191
16.Aug.1936

Nie war eine Welt geschichtlichem Denken so offen,wie die
abendländische Welt der letzten Jahrhunderte.So geschieht es,dass
uns als Erben dieser Welt sich die Erinnerung an einen grossen Toten
unwillkürlich nicht zu einem Gebet oder Hymnus,sondern zu einem Ge-
schichtsbild formt.Wir wissen,dass in der geschichtlichen Betrach-
tung grosse Formkräfte stecken,und nur zu unserm Schaden würden wir
sie aufgeben.Aber wir sollen ein Gefühl behalten für die tieferen

Seelenkräfte,die in jenen vielleicht primitiveren Weisen des Sich-
erinnerns leben;sind wir nicht imstande,etwas davon in unsre ratio-
nalen Geschichtsbetrachtungen hinüberzuretten,so riskieren wir,Wis-
sen statt Weisheit,Richtigkeit statt Wahrheit vorzutragen.
Das Leben Friedrichs d.Gr.ist oft genug und auch jetzt wie-
der erzählt oder umrissen worden.Wir wollen hier keine Daten zusam-

menstellen,man lese sie in jenen Büchern nach.Wir wollen nur einige^
Richtungen angeben,in denen man mit Erfolg in das Wesen des Königs
tindjseiner Leistung einzudringen vermag.
Was wir Grösse nennen,offenbart sich ebensowohl im Werk
eines Menschen,als in seinem Wesen,seiner Natur,seiner Seele.'Kel^
neswegs ist das Werk der einfache Ausdruck des Wesens,keineswegs
auch ist Grösse stets gleichgewichtig auf beide verteilt.Es gab i
wohl wenig Menschen,bei denen dies Verhältnis von Werk und Wesen
so beziehungsreich und spannungsvoll war,wie König Fr&6drich.Wir
wollen aber von beiden nacheinander reden.
I*
Man pflegt Friedrich vom brandenburgisch^preussischen Staat
her,und also als den zu sehen, der jenes nach Territorium wie Staats
geist beschränkte und subalterne Gebß&fe zu einer wenn nicht groß-
staatlichen,doch mindestens unabhängigen Macht - dies war des Kö-
nigs eigene Auffassung - erhoben, der die verschiedenen Territorien
die er vorfand, wesentlich vergrößert und abgerundet, ihnen erst
eine eigenstaatliche Seele, den Stolz eigenstaatlich "preußischen"
Lebens und Strebens gegeben, der also in diesem Sinn Preußen erst
geschaffen habe. Das ist vollkommen richtig. Doch wird dabei
nicht in Anschlag gebracht, daß dieses Preußen mit dem größten Teil
seines Gebietes zum Deutschen Reich gehörte, Glied des Reiches war.
Nicht^^re es falsch, auf Grund mancher Tatsachen und Anekdoten so-
wie gelegentlicher
Äußerungen halten friederizianischen Spottes
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