Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 37.1926

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XXXVU. JAHRGANG.__DARMSTADT. SEPTEMBER 1926.

UEBER BAUKUNST UND ZEITGEIST

die uniformierenden und individualisierenden kräfte

Im Verlauf der gesamten Kulturgeschichte, beson-
ders aber auch in der Geschichte der Baukunst,
vollzieht sich eine ununterbrochene Auseinander-
setzung zwischen dem Streben nach einer zivilisa-
torischen Allgemeinform und dem Festhalten
an lokaler Sonderart. Man kann die Kulturge-
schichte geradezu als einen kämpferischen Dialog
zwischen den uniformierenden und den individuali-
sierenden Kräften der Menschheit auffassen. Keiner
von beiden gebührt der unbedingte und zeitlose
Vorrang. Es ist ebensosehr Aufgabe des Menschen,
Glied einer übergeordneten Gemeinschaft wie ein
einmaliger, bestimmter Charakter zu sein. Es gilt,
bald der ersteren, bald der letzteren Anforderung
zu gehorchen, und welches die wichtigere ist, be-
stimmt sich in jedem Augenblick nach der kultu-
rellen Gesamtlage der Zeit.. Der unendliche Reich-
tum von Formen, der sich aus dieser fortgesetzten
Begegnung zweier verschiedener Tendenzen ergibt,
zeigt sich nirgends deutlicher als in der Geschichte
der Baukunst. Wir sehen zuzeiten autoritäre Bau-
stile, gestützt auf einen Fürstenhof, auf die Kirche,
auf eine neue zivilisatorische Idee, vordringen und
allerorten regionale Baugewohnheiten über den
Haufen werfen oder doch stark modifizieren. Wir

sehen aber auch manchmal die Werbekraft land-
schaftlich oder stammesmäßig gebundener Bau-
weisen erstarken und sich gegen allgemeiner be-
gründete Formgedanken mit Erfolg zur Wehr setzen.
So gut die Literatur-Geschichte ein Abwechseln
zwischen den Tendenzen »Nationaldichtung« und
»Heimatkunst« kennt, so gutkennt die Baugeschichte
Perioden des Strebens zum Welt- und Zivilisations-
Stil und Perioden des Schöpfens aus mehr dia-
lektischen Baugedanken. Das letztere wird beim
ländlichen, zum Teil auch noch beim städtischen
Wohnbau wohl bis auf weiteres noch immer dasVor-
herrschende sein. . Im allgemeinen steht allerdings
in der heutigen Zeit das Streben nach dem Welt-
und Zivilisations-Stil im Vordergrund. Technik und
Maschine, moderner Zweckbegriff und eine ge-
wisse Zurückdrängung historischen Gefühls haben
ihm den Weg bereitet. Das Bewußtsein, vor allem
dem einheitlichen, mächtigen Gefüge der modernen
Zivilisation anzugehören, nimmt in der Geistes-
Einstellung des heutigen Menschen einen breiten
Raum ein. Und wie immer auch spätere Zeiten
die Sache ansehen mögen, uns ist es heute zur
Pflicht gemacht, auch im Bauen den Anschluß an
universale Gedanken zu finden. . . . wilhelm michel.

19J6. IX. L
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