Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Editor]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 30.1911-1912

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Fig. i. Andrea Mantegna. Lunette aus der Camera degli Sposi im Castello zu Manlua.

ZWEI DEKORATIVE GEMÄLDE MANTEGNAS IN DER WIENER

KAISERLICHEN GALERIE.

Von

Paul Kristeller.

antegnas Kunst glaubt man in ihrer Besonderheit gekennzeichnet zu haben, wenn
man sie als im wesentlichen aus der Nachahmung der Antike erwachsen darstellt.
Und doch ist es bisher noch niemandem gelungen, auch nur ein einziges Vorbild
aus der Antike für Gestalten seiner Gemälde nachzuweisen. Selbst wenn Mantegna,
wie Donatello das, besonders für dekorative Zwecke, in wenigen Fällen getan hat,
einzelne Bildungen der antiken Kunst entlehnt hätte, würde er dadurch das ver-
kleinernde Charakteristikum des «Nachahmers der Antike», mit dem man ihn
immer wieder bedenken zu müssen meint, doch noch keineswegs verdient haben. Man sollte sich hüten,
Vorstellungen, die auf allgemeinen, trügerischen Eindrücken, nicht auf bestimmten Beobachtungen be-
ruhen, als Argumente für historische Urteile zu verwenden. Mantegnas Verhältnis zur Antike ist gewiß
einer der wichtigsten Punkte der italienischen Kunstgeschichte; es ist aber durch so komplizierte und
zarte und mit der Zeit wechselnde Beziehungen und Vorstellungen bedingt, daß sich mit Schlagworten
hier noch weniger als sonst das Wesen der Sache kennzeichnen läßt.1

In der Zeit von Mantegnas Jugend bis zu seinem Alter vollzieht sich in Italien der große Um-
schwung der Kunstanschauung, der, unter dem Einflüsse der Antike, vom unbefangenen, eindringenden
Naturstudium zur idealisierenden und heroisierenden Stilisierung der Formen führt. Wie die Kenntnisse
von der Antike, die ursprünglich sehr gering waren, sich nach und nach vermehren, die Anschauung

1 In seiner erst nach der Ablieferung dieses Aufsatzes erschienenen biographischen Einleitung in «Andrea Mantegna,
des Meisters Gemälde und Kupferstiche in 200 Abbildungen» (Klassiker der Kunst XVI, Stuttgart 1910) ist Fritz Knapp den
im folgenden dargelegten Anschauungen über das Wesen der Kunst unseres Meisters, die ich schon in meinem Buche über
Mantegna (London 1900 und Berlin-Leipzig 1902) verfochten hatte, in wesentlichen Punkten beigetreten.

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