Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Editor]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 34.1918

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Leo Planiscig. Randglossen zu Venedigs Bronzeplastik der Hochrenaissance.

mit Schild und Speer, den Merkur, ähnlich einem David, der seinen rechten Fuß auf den Kopf
des schlafenden Argus stützt, den Apollo als Niobidentöter mit Köcher und Bogen. Mit diesen
Statuen waren Schulbeispiele für nachkommende Künstlergenerationen geschaffen worden. Nicht
nur in Venedig. Der neue Stil Sansovinos, der, wie ich an anderer Stelle bereits ausgeführt
habe,1 eng mit dem Manierismus Parmeggianinos verbunden ist, wirkte sogar auf sein Ursprungs-
land, auf die Toskana, zurück, wo Vincenzo Danti und gleichzeitig auch Giambologna
Werke schufen, die in ihrem stilistischen Gehalt mit der Nachfolgerschaft Sansovinos verwandt
sind. Man betrachte die Tochter der Herodias (Fig. 3o) an der Enthauptungsgruppe des Floren-
tiner Baptisteriums (1571). Es wird nicht schwer fallen, in diesem Werke Dantis Analogien mit
der «Pax» Sansovinos, aber auch — und in gesteigertem Maße — mit den in diesem Kapitel an-
geführten Bronzestatuetten, mit der «Judith» des Kaiser Friedrich-Museums und ihren Varianten,
mit der «Venetia» und der Estensischen «Fortitudo», zu erkennen. Die Stilphase war nicht von
lokaler venezianischer Bedeutung sondern wie ihr vermutlicher Ausgangspunkt — das graphische
Werk Parmeggianinos — eine Erscheinung von allgemeiner Wirkung, die letzten Endes auch jen-
seits der Alpen, in Frankreich und Deutschland, zum Ausdrucke gelangte.2

Von diesem Standpunkte aus betrachtet, scheint es wohl verwegen, alle die hier angeführten
Bronzefiguren auf Tiziano Aspetti zurückführen zu wollen. Ein Beispiel zur Rechtfertigung: Unter
den Resten des Beckerathschen Nachlasses, die Mitte Mai 1916 in Berlin versteigert wurden,
befand sich die Bronzestatuette einer «Pax», die der Katalog3 als Variante der Loggetta-Figur
Sansovinos anführte und Alessandro Vittoria zuschrieb (Fig. 3i). Sicher von der «Pax» Sansovinos
inspiriert, weist diese keine mit den Werken des Meisters oder mit jenen seines Hauptschülers
Vittoria ähnlichen Merkmale auf, die zwingend für die Annahme sprechen würden, sie sei eine
Ateliervariante des «Pax»-Modelles. Ich stelle dieser Figur eine «Juno mit dem Pfau» (Fig. 32)
an die Seite, auch eine Bronzestatuette, die sich im Grazer Privatbesitz befindet.4 Ohne Mühe
wird man dieselbe Werkstatt, ja dieselbe Hand erkennen. Die Behandlung des Kopfes, der Nase, der
Augen, der fetten Bauchpartie und der Gewandung ist an beiden Statuetten dieselbe. Die Grund-
lage für eine weitere Gruppe, die man höchstwahrscheinlich noch wird ausbauen können, wäre
damit geschaffen. — Das Verhältnis der Beckerathschen «Pax» zu der Sansovinos entspricht aber
dem Verhältnisse zwischen der Berliner «Judith» und derselben «Pax» einerseits und dem Verhält-
nis zwischen der ersteren und dem «Merkur», der ebenfalls seinen rechten Fuß auf einen Riesen-
kopf stützt, andererseits. Mit anderen Worten, die Neuerungen Sansovinos wirkten auf beide
Zweiggruppen; und wenn wir die eine mit dem Namen Aspetti verbunden haben, so geschah dies,
weil die beinahe um ein halbes Jahrhundert später vollendeten Figuren dieses Künstlers in Padua
stilistisch unserer Gruppe viel näher stehen als die Urvorbilder Sansovinos.

1 Vgl. «Kunst und Kunsthandwerk» 1916, S. 105 ft'.

2 Frau Dr. L. Fröhlich - Bum gewährte mir Einsicht in das von ihr seit Jahren gesammelte Material über Parmeggia-
nino, über welchen Künstler und — was mir noch wichtiger erscheint — seinen Einfluß sie eine größere Arbeit vorbereitet
(siehe L. Fröhlich-Bum, Handzeichnungen des Parmeggianino zu einigen seiner bekanntesten Gemälde in «Mitteilungen der
Gesellschaft für vervielfältigende Kunst», Wien 1915).

3 Nachlaß Adolf v. Beckerath, Auktion Lepke-Berlin 1916, Katalog von F. Schottmüller, Nr. 347. H. 27 cm.

4 Ausgestellt 1907 im Kaiser Franz Josef-Museum zu Troppau, jedoch nicht, wie es im Berichte von E. W. Braun
«Kunst und Kunsthandwerk», Wien 1907, S. 531) heißt, aus dem Besitze des Grazer Kunstgewerbemuseums.
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