Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Editor]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 34.1918

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DIE BLÜTEZEIT DER BILDWIRKERKUNST ZU TOURNAI
UND DER BURGUNDISCHE HOF.

Von

Betty Kurth.

ach einem Ausspruch Nietzsches hat jeder Mensch von Charakter «sein typi-
sches Erlebnis, das immer wieder kommt». Eine analoge Erfahrung können
wir auch vielfach aus der Geschichte der Völker ableiten, wo die Wiederkehr
der nämlichen historischen Erscheinungen, die Abfolge ähnlicher typischer
Ereignisse nichts Ungewöhnliches ist.

Als Beispiel dieser Art dürfen wir wohl die stets erneuten tragischen
Schicksale betrachten, die die französischen Kunstschätze im Laufe der Jahr-
hunderte erdulden mußten. Frankreich war zuzeiten neben Italien das blühendste Kunstzentrum
Europas. Aber heimgesucht von wiederholten langwierigen äußeren Kämpfen, zerklüftet von inneren
Zwistigkeiten und Volkskriegen, geplündert durch die blinde Zerstörungswut der eigenen Bewoh-
ner, hat das unglückliche Land von dem unermeßlichen Reichtum seines einstigen Kunstbesitzes,
von der Fülle an Meisterwerken der verschiedensten Zeiten nur Reste zu bewahren vermocht.
Die schwersten Einbußen erlitten die Werke der Spätgotik, des XIV. und XV. Jahrhunderts. Die
Rechnungen und Inventare der französischen Könige und der Herzoge von Burgund geben uns
eine Vorstellung von dem Luxus, dem Reichtum und der verschwenderischen Pracht, mit denen
die französischen Fürstenhöfe ausgestattet waren. Durch sie erfahren wir von einer ungeheuren
Menge funkelnder Kleinodien und Schmuckstücke, Meisterwerken der berühmtesten Goldschmiede,
von kostbaren Kodizes, die mit herrlichen Miniaturen geschmückt, von prunkvollen Werken der
Malerei und ihrer Schwesterkunst, der Teppichwirkerei, mit denen die fürstlichen Gemächer auch
für die verwöhntesten Anforderungen einer hohen Geschmackskultur wohnlich gemacht wurden.

Daß von den Goldschmiedearbeiten so gut wie nichts erhalten ist, erklärt sich aus der Kost-
barkeit des Materials, das gewinnsüchtigen Zwecken geopfert wurde. Aber auch von den Gemälden
und Tapisserien des XIV. und XV. Jahrhunderts sind nur vereinzelte Beispiele und diese zumeist
durch Verschleppung ins Ausland dem Untergange entrissen worden. Die Wandteppiche waren
übrigens durch ihren häufigen Orts- und Verwendungswechsel ganz besonders der Zerstörung aus-
gesetzt und wir sind durch die Spärlichkeit der erhaltenen Stücke in der Beurteilung der künst-
lerischen Entwicklung der Textilmalerei im späten Mittelalter auf vage Hypothesen und schwan-
kende Kombinationen angewiesen.

Im Hinblick auf diese Unsicherheit unserer Kenntnisse dürfte die Beibringung unbekannter
oder unbeachteter Werke der französisch-flämischen Teppichkunst und der Versuch ihrer Angliederung
an bisherige Forschungsergebnisse nicht unwillkommen erscheinen.

Die Anfänge der französischen Bildwirkkunst liegen noch völlig im Dunkeln. Wohl sind uns
Nachrichten von Wirkern, «tapissiers», aus dem XIII. Jahrhundert,1 von Korporationen der «ouvriers

1 Le livre des Metiers d'Etienne Boileau, herausgegeben von Depping 1837, von Lespinasse et Bonnardot 1879.
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