Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 3.1898, Band 2 (Nr. 27-52)

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1898

JUGEND

Nr. 50

Einige Frauen lachten darüber, daß
er so erfroren sei.

„Lacht nicht," sagte er, „sagt mir
lieber, ob Ihr nicht eine kleine, kugel-
runde alte Frau gesehen habt, so rund,
daß es scheint, als rolle eine Kugel von
rechts nach links, wenn sie geht. Sie
ist in Schwarz und Grün gekleidet; auf
dem Rücken trägt sie einen Sack von
grobem Leinen, in dem steckt ein gar-
stiges braunes Lamm, zuckend wie eine
Flamme."

Da Keiner sie gesehen hatte, ver-
schwand der Alte auf dem Perron. Aber
er war kaum hinaus, als die alte Frau
zu einer andern Thür hereinkam.

Alle erkannten sie, denn sie war so
wie der Alte gesagt hatte.

„Habt Ihr einen weißen alten Mann
gesehen — ?"

Sie hatte den Satz noch nicht voll-
endet, als ein junger Mann auf sie
zutrat. Er war bisher wegen seiner
schlichten Kleidung nicht ausgefallen,
aber sah man ihn genau an, so war
es leicht zu erkennen, daß seine Haare
keine gewöhnlichen blonden Haare
waren. Sein fahles Gesicht verschwand
in einein Büschel verdorrter Binsen; sein
Auge war seltsam, und seine Nase —
war wie die des weißen alten Mannes,
lang, gelb und krummhakig.

Achl Ueber die Unglücksvögel I

Als der junge Mann vortrat, sagte
er: „Ich bin der, den Ihr sucht."

„Das ist doch nicht der alte Mann,"
meinten die Mitreisenden.

„Ich bin nicht der alte Mann, aber
ich weiß, was ich wissen soll —"

Und nachdem er dreimal ans seine
Stiefel gespuckt hatte, zog er die kleine
alte Frau mit fort, um den Alten zu
suchen, indeß das braune Lamm im
Sack um sich schlug wie ein Ferkel und
dabei quickte, wie ein neugeborenes
Kind.

Der Zug fuhr in den Bahnhof ein,
schnaubend, pfeifend, einen Funkenregen,
Molken von Licht vor sich herjagend.
Lin Wirbel von Geräuschen erschütterte
das Vordach. In wildem, sinnlosem
Drängen wälzte sich die Menge den
Wagen zu. Das Knattern zugeschlagener
Thüren lief den Zug entlang ---

Man fuhr ab. Bald stöberte der
Schnee dicht hernieder, dichter als der
schwarze Rauch, der zu Boden siel. Das
Dunkel glitt, glitt immer zu, dann,
allmählich nahm die rasende Schnellig-
keit ab, die Räder des Zuges knirsch-
ten, eine rauhe Erschütterung durchlief
die Sprungfedern und die Maschine
stand still.

Man war an der Hffel-Brücke. Zwi-
schen die hohen wälle des Bauwerks
Hineingetrieben, hatte sich der Schnee
mannshoch aufgethürmt. In ihrem Be-
mühen, das Hinderniß zu durchbrechen,
stieß die Lokomotive klägliche Hilferufe
aus. Verworrenes, mißtöniges Pfeifen
klang durch die todtenstille Nacht. Als
viele Männer ausstiegen, um beim

Fritz Hegenbart (München).

Wiegenlied

Kehren der Brücke zu helfen, wurden
sie gebannt vom Anblick des knmmels.

Es schneite nicht mehr, aber drüben,
inmitten der zcrtheilten Wolken, spie
ein Komet seinen Schweis über den
gefrorenen Fluß. Sein Schein war so
grell, von so verwirrendem Glanze, daß
es schien, als höre inan das Prasseln
seines Feuerregens.

Von Schauern getrieben, fegten die
Männer die Brücke im Nu; aber ein
neues Schauspiel fesselte sie:

Am Rande des Weidelandes schlugen
Flammen aus einer Hütte. Weiterhin
loderte ein Schober auf. Dann gerieth
eine Scheune, prasselnd wie ein Feuer-
werk, in Brand.

Beim Scheine der dreifachen Feuers-
brunst vollzog sich ein entsetzliches Schau-
spiel: drei inenschliche Gestalten schritten
einen Bach entlang, der der Hssel zu-
stießt. Alle Welt erkannte mit Ent-
setzen die drei geheimnißvollen Leute
vom Holdamer Bahnhof. Sie rannten,
den Sack zwischen den Erdschollen hinter
sich herschleppend, und schienen auf ein
bestimmtes Ziel loszugehen.

Bei der dreizehnten der Weiden, die
den Fluß besäumen, angelangt, blieben
sie stehen. Die alte Fran zog aus dem
Sack ein nacktes kleines Kind, das sie
dem Alten kichernd hinhielt. Der stieß
das kleine Kind zurück, und es war
der bleiche junge Mann, der sich seiner
bemächtigte. Bei diesem Anblick heulten
die Passagiere auf der Brücke vor Weh,
aber was noch schlimmer war, eine
höllische Macht bannte ihre Füße am
Boden fest, so daß sie dem kleinen
Vpfer nicht zu Hilfe eilen konnten.
Und nun mußten sie folgende Schreck-
nisse mit ansehen:

Nachdem der junge Mann das neu-
geborene Kind ergriffen hatte, gerieth
er in Hellen Zorn über die Ungeberdig-
keit des kleinen Geschöpfes, und biß es
im Nacken und unter den Armen;
dann band er es mit dünnen Binsen
am Stamm des dürren Baumes fest,
indeß der Alte und das Weib sich in
die Hände schlugen und von andern
Dingen sprachen.

Als das Kleine sicher am Stamm
befestigt war, traten die drei Ungeheuer
zurück, und mit einer Menge harter
Bälle, die sie aus dem Schnee kneteten,
steinigten sie das unschuldige kleine
wesen.

Beim dreizehnten Schneeballen schloß
sich der Himmel wieder, die Feuers-
brünste erloschen, schwer und lautlos
senkte sich die Nacht über das scheuß-
liche verbrechen.

Die braven Leute auf der Brücke,
die ihre Beweglichkeit wiedergewonnen
hatten, ergossen sich eilends über die
Haide.

Beim Scheine einiger Laternen war
der verhängnißvolle Baum bald gefun-
den, aber — V! Wunder des Herrn!
— um die verdorrte Weide her war
der Schnee unberührt, ohne eine Spur
Fritz Hegenbarth: Wiegenlied
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