Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 5.1900, Band 1 (Nr. 1-26)

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Nr. 24

JUGEND

1900


«

Tsss! . . .

Swan Jegorowitsch Krasnuchin, ein Journalist
mittleren Ranges, kehrt spät in der Nacht
heim, ernst und ungewöhnlich konzentrirt. Er sieht
aus, als erwarte er eine Haussuchung oder als
gehe er mit Selbstmordgedanken um. Nachdem er
tu seinem Zimmer eine Zeitlang auf und abge-
gangen, bleibt er stehen, wühlt sein paar auf und
spricht im Tone des Laertes, der seine Schwester
rächen will:

„Zerschlagen, müde an Leib und Seele, auf
dem Kerzen drückender Trübsinn, und mußt Dich
dennoch hinsetzen und schreiben! Und das nennt
man Leben?! warum hat noch niemand den
qualvollen Zwiespalt beschrieben, der einen Schrift-
steller martert, wenn er traurig ist und dennoch
die Menge amüsiren muß, oder wenn er lustig ist
und auf Bestellung Thränen vergießen muß? Ich
muß pikant, gleichgiltig-kühl, geistreich sein, aber
stellen Sie sich vor, daß mich der Kummer drückt,
oder daß ich, wollen wir sagen, krank bin, daß
mein Kind mir stirbt, meine Frau niederkommt!"

Er spricht das Alles, indem er die Fäuste ballt
und die Augen rollen läßt... dann geht er in's
Schlafzimmer und weckt seine Frau.

„Nadja", sagt er, „ich setze mich jetzt an die
Arbeit .. . Bitte, daß mich niemand stört. Man
kann nicht schreiben, wenn die Kinder heulen und
die Köchin schnarcht .. . Sorge auch, bitte, dafür,
daß Thee und . .. sagen wir, Beefsteak da ist.. .
Du weißt, ich kann ohne Thee nicht schreiben ...
Thee ist das einzige, was mich während der Ar-
beit aufrecht erhält."

In sein Zimmer zurückgekehrt, nimmt er Rock,
Weste und Stiefel ab. Diese Prozedur wird sehr
langsam bewerkstelligt. Darauf verleiht er seinem
Gesicht den Ausdruck gekränkter Unschuld und setzt
sich an den Schreibtisch.

Auf dem Tisch gibt es nichts Zufälliges, All-
tägliches, und jede kleinste Kleinigkeit trägt den
Stempel einer reiflichen Ueberlegung und eines
strengen Programms. Kleine Büsten und Photo-
graphien berühmter Schriftsteller, ein paufen Manu-
skripte, der aufgeschlagene Band eines Musterkri-
tikers, eine pirnschale, die als Aschenbecher dient,
ein Zeitungsblatt, nachlässig zusammengefaltet,
aber so, daß man eine mit blauer Bleifeder um-
randete Stelle sieht, neben welcher in großen Zügen
die Randbemerkung „gemein" prangt. Daneben
liegen ein Dutzend frischgespitzter Bleistifte und
Federhalter mit neuen Federn, die offenbar der
Möglichkeit Vorbeugen sollen, daß irgend ein äußerer
Einfluß oder Zufall, wie z. B. eine verdorbene
Feder, auch nur auf eine Sekunde den freien
schöpferischen Flug unterbreche . . .

Krasnuchin wirft sich auf die Lehne des Stuhls
zurück und vertieft sich mit geschloffenen Augen in
sein Thema. Er kann hören, wie seine Frau mit
den Pantoffeln schlurft und die Späne für den
Samowar schlägt. Sie ist noch nicht ganz wach, was
man daraus schließen kann, daß der Samowar-
deckel und das packmeffer ihr immerwährend aus
den fänden fallen. Bald läßt sich das Summen des
Thees und das Knistern der Bratbutter vernehmen.
Die Frau hört mit dem Späneschlagen nicht auf
und klappert immerfort mit der Mfenthür.

Plötzlich fährt Krasnuchin zusammen, öffnet
erschrocken die Augen, und beginnt mit der Nase
in der Luft umherzuschnuppern.

„Mein Gott, Mfendunst!" stöhnt er auf, die
Stirne leidenvoll runzelnd. „Dunst! Dieses un-
erträgliche Weib hat sich die Aufgabe gestellt, mich
zu vergiften. Nun sage mir doch einer, wie ich
unter solchen Umständen schreiben kann?!"

Er läuft in die Küche und läßt dort einen
tragischen Monolog vom Stapel.

Als die Frau ihm nach einiger Zeit, vorsichtig
auf den Fußspitzen gehend, ein Glas Thee bringt,
sitzt er wie vordem zurückgelehnt, mit geschloffenen
Augen, in sein Thema versunken. Er rührt sich
nicht, trommelt leise mit zwei Fingern auf die
Stirn und macht, als fühle er die Anwesenheit

der Frau nicht . . . Sein Gesicht trägt wie vor-
dem den Ausdruck gekränkter Unschuld.

wie ein junges Mädchen, dem man einen
theuren Fächer geschenkt hat, ziert er sich und
kokettirt lange mit sich selbst, ehe er sich entschließt,
den Titel niederzuschreiben... Er drückt sich die
Schläfen, krümmt sich nnb zieht die Beine unterm
Stuhl ein, als habe er Schmerzen, oder nimmt
eine süß hingegossene Pose an, wie ein Kater
auf dem Sofa . . . Endlich streckt er, nicht ohne
Schwanken, die pand nach dem Tintenfaß aus
und macht mit einem Gesichtsausdruck, als unter-
zeichne er ein Todesurtheil, die Überschrift.. .

„Mama, gib mir Wasser!" hört er die Stimme
seines Sohnes.

„Tsss!" macht die Mutter. „Papa schreibt!
Tsss ..."

Papa schreibt schnell, in fliegender past, ohne
Korrekturen und Pausen, so daß er kaum die
Seiten wenden kann. Die Büsten und Porträts
der berühmten Schriftsteller sehen auf seine schnell
über das Papier laufende Feder herab und scheinen
zu denken: „past Du Dich, Bruder, aber gut ein-
gefuchst!"

„Tsss!" macht die Feder.

„Tsss!" machen die Schriftsteller, wenn Kras-
nnchins Knie an den Tisch stößt und sie mit dem
Tisch zusammen erzittern.

Plötzlich richtet Krasnuchin sich auf, legt die
Feder hin und horcht ... Er vernimmt ein
gleichmäßiges monotones Flüstern .. . hinter der
wand, in dem Zimmer nebenbei, betet sein Mieter
Foma Nikolajewitsch.

„pören Sie!" schreit Krasnuchin. „Können
Sie nicht gefälligst etwas leiser beten? Sie stören
mich beim Schreiben!"

„Entschuldigen Sie ..." antwortet schüchtern
Foma Nikolajewitsch.

„Tsss!"

Nachdem er fünf Seiten geschrieben, reckt sich
Krasnuchin und sieht nach der Uhr.

„Mein Gott, schon drei Uhr!" stöhnt er auf. „Die
Menschen schlafen, und ich., ich allein muß arbeite::!"

Müde, zerschlagen, das pauxt auf der Seite,
geht er in das Schlafzimmer, weckt seine Frau
und sagt mit schwacher Stimme:

„Nadja, gib mir noch Thee! Ich bin., erschöpft!"

Er schreibt bis vier Uhr und er würde gerne
noch bis sechs schreiben, wenn das Thema nicht
versiegt wäre. Das Kokettiren und die Ziererei
vor sich selbst und vor den unbelebten Gegen-
ständen, sicher vor jedem indiskreten beobachtenden
Auge, der Despotismus und die Tyrannei in
einem kleinen Ameisenhaufen, den das Schicksal
unter seine Gewalt gestellt hat, bilden das Salz
uud den ponig seiner Existenz.

Und wie wenig ähnelt dieser Despot hier zu
Pause jenem kleinen, demüthigen, wortlosen und
unbegabten Menschlein, das wir gewohnt sind,
in den Redaktionen zu sehen!

„Ich bin so überanstrengt, daß ich kaum ein-
schlafen werde . . ." sagt er, als er sich schlafen
legt. „Unsere Arbeit, diese verfluchte, undankbare
Zwangsarbeit ermüdet nicht so sehr den Körper,
als die Seele . . . Ich müßte Bromkali ein-
nehmen . . . Ja, Gott sieht es, wenn nicht die
Familie wäre, würde ich diese Arbeit aufgeben..
Auf Bestellung schreiben! Das ist fürchterlich!"

Er schläft bis zwölf oder ein Uhr Mittags,
und er schläft fest und gesund ... G, wie
würde er noch ganz anders schlafen, was würde
er für Träume sehen, wenn er ein bekannter
Schriftsteller, Redakteur oder auch nur Verleger
werden könnte!

„Er hat die ganze Nacht durch geschrieben!"
flüstert die Frau und macht ein erschrockenes Ge-
sicht. „Tsss!"

Niemand darf weder sprechen, noch gehen,
noch irgend ein Geräusch machen. Sein Schlaf
ist ein peiligthum, für dessen Entweihung der
Schuldige grausam bestraft würde!

„Tsss!" schwirrt es durch die Wohnung.

',^b55’ Anton Tschechoff
Anton Pavlovic Cechov (Tschechow, Tschechoff): Tssss!
Otto Eckmann: Zierleiste
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