Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 5.1900, Band 2 (Nr. 27-52)

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Nr. 29

. JUGEND -

1900

NTEN DANTEN-LOGE

P. Renouard {Paris)

Autorrechte

Von Raoul Auernheimer

1.

Auf der Probe. Man ist glücklich bis zur Liebes-
fcene im dritten Akt vorgcdrungen, auf die der
Autor so stolz ist. Auf der beleuchteten Bühne
agiren der Liebhaber und die jugendliche Naive,
beide in Ueberkleidern, denn sie sind sehr hung-
rig, und diese Scene ist ja Gott sei Dank eine
der letzten. Dann kommt nur noch ein Vater,
der sich wundert, und einige andere Leute, die
Einiges reden, was auf das Stück Bezug hat,
aber das geht sie nichts mehr an. . . Der Direk-,
tor steht vorne beim Souffleurkasten, der Autor
sitzt in einer der vorderen Parguetreihen, mit
leuchtenden Augen, einen Notizblock in der Hand.
Er hat keine AhnuK, das; es bereits halb drei Uhr
ist, und das; die gewöhnlichen Menschen, wenn
sie noch nicht zu Mittag gegessen haben, um diese
Zeit Appetit zu verspüren pflegen.

Der Liebhaber (er ist bis zu dem entscheid-
enden Augenblick gekommen): Ob ich Sic liebe?!
(er umschlingt die Naive in überstürzter Weise und
küßt sie zerstreut, mit einem Blick auf seinen Hut)
Hu bist niein Alles.

Der Autor (angstvoll): Nein, nein. . .

Der Direktor (wechselt einen Blick mit dem
Autor, hierauf zum Liebhaber): Schauen Sie,
das müssen Sie so machen (anrnuthig lächelnd):
Ob ich Sie liebe?. . . Sie nähern sich ihr
langsam, Sie legen langsam den Arm um
ihre Taille — so — (er unterbricht sich). Aber
Sie '.nüssen ein bischen widerstreben, Fräu-
lein Zöpfer, man darf Ihnen tiicht ansehen,
daß Sie schon gerne fertig sein möchten.
(Fortfahrend): Hierauf küssen Sie sie lang-
saiti auf den Mund, — langsam bitte, —
noch langsamer bitte. So, ja. Und jetzt erst
sagen Sic, den Blick zum Publikum gewen-
det : Du bist nieiu Alles. So, ganz gnt.

Aber mit mehr Gemüth! So-Und

jetzt die Stelle noch einmal!

Die Naive: Noch einmal! (Wüthend gibt
sie sich zum dritten Mal der Umarmung des Ge-
liebten hin).

Der Direktor (höflich zum Autor, den er
nicht sieht): Ist es Ihnen jetzt recht? Ich

meine: Kommt das heraus, tvas Sie sich
dabei gedacht haben?

Der Autor: Beinahe, Herr Direktor;
nur ttiöchte ich wünschen, daß Fräulein
Zöpfer etwas unschuldiger lächeln soll. (Zu
der Naiven): Sie dürfen keinen Augenblick
Vergessen, mein Fräulein, Sie sind ein un-
schuldiges Mädchen.

Die Satonschtange (die im Hintergründe
zusieht): Wie sollte sie das vergessen, sie hat
es nie gewußt.

Die Naive (die gereizt ist, wie alle Men-
schen, die hungrig sind und nichts zu essen be-
kommen): Herr Doktor, wenn ich Ihnen nicht
unschuldig genug bin, so suchen Sie sich
eine unschuldigere, ich bin seit zehn Jahren
nicht unschuldiger, uitd ich tvar an ersten
Bühnen engagirt....
v Der Autor (ganz klein): Entschuldigen
Sie, Fräulein....

Die Naive (noch aufgeregter): Entschul-
digen Sie, Herr Doktor....
Charles Paul Renouard: Intendanten-Loge
Raoul Auernheimer: Autorrechte
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