Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 5.1900, Band 2 (Nr. 27-52)

Page: 535
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/jugend1900_2/0094
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
1900

. JUGEND -

Nr. 32

Marmorrelief

Eine Rede für den Goethebnnd

Von Otto Ernst

Wir können nicht mit jenem Rütliver-
schworenen im Schiller'schen Teil sagen:

»Wir stiften keinen neuen Bund; es ist
Ein uralt Bündnis nur von Väter Zeit" —
wir stiften in der That einen neuen Bund.
Denn — so vereinslustig der Deutsche sonst ist —
es ist, soviel ich weiß, noch nicht dagewesen, daß
in allen geistigen Zentren Deutschlands unser
Volk in vielen Tausenden, in Hunderttauseuden
einmüthig aufgestanden wäre, um Kunst und
Wissenschaft zu vertheidigen gegen die Erbfeinde
unserer Kultur. Das alte Bild von: schlafenden
Michel hat leider in dieser Hinsicht bis auf
den heutigen Tag seine Berechtigung behalten.
Der politische Michel ist aufgewacht, der handel-
uud gewerbetreibende nicht minder; der Michel
aber, der Künste und Wissenschaften fördern,

jSchlafende

genießen und lieben sollte, schlief weiter. Nicht
daß wir nicht immer eine reiche Zahl von Ge-
lehrten und Künstlern aufzuweisen gehabt hätten,
die denen des Auslandes an Größe und Be-
deutung nichts nachgaben; aber hinter diesen
geistigen Führern stand keine Armee; es fehlte
die das ganze Volk durchdringende Achtung
vor den höchsten geistigen Gütern, und so
konnte man allen Ernstes den Gedanken er-
wägen, ob es nicht ein rentables politisches
Geschäft sei, diese ja ganz hübschen und ange-
nehmen, aber schließlich doch nicht unentbehr-
lichen Güter gegen ein paar politische. Zuge-
ständnisse für immer au Nom und. Hinter-
pommern ausznliefcrn. Man konnte diesen Ge-
danken auch deshalb ungestraft erwägen, weil
der Deutsche die Gutmüthigkeit seiner Feinde
regelmäßig überschätzt und selbst in so drin-
genden Gefahren, wie sie die Isx Heinze und
dasZedlitz'sche Volksschulgesetz Heraufbeschmoren,

Max Klinger <Leipzig)

Gott einen guten Mann sein läßt, der schon
im rechten. Augenblick die schlimmen Folgen
abwenden werde. Der deutsche Michel beachtet
das Netz, mit dem man ihn unter freundlichem
Geplauder umstrickt, gewöhnlich erst dann,
wenn nur noch die letzte Masche fehlt. Im
letzten Augenblick entwickelt er daun freilich
zuweilen erstaunliche Kräfte; aber wie oft schon
hat er auch den letzten, drängenden Augenblick
verschlafen I Und eine andere schlimme Eigen-
thümlichkeit des deutschen Nationalcharakters
ist die, daß wir sofort wieder sorglos und ver-
trauensselig werden, sobald , die größte Gefahr
vorüber ist. Es war ein trauriges Amüsement,
die Phlegmatiker in den Tagen der Roereu-lsx
politisiren zu hören. „Das nimmt ja der
Reichstag nicht an," sagten sie — b(t hatte er
die schlimmsten Paragraphen schon in dritter
Lesung angenommen — „und wenn es der
Reichstag annimmt, dann lehnt es der Bundes

SD
Otto Ernst: Eine Rede für den Goethebund
Max Klinger: Photographie eines Reliefs: "Schlafende"
loading ...