Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 5.1900, Band 2 (Nr. 27-52)

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Nr. 40

1900

JUGEND

Richard wagner's
geschichtliche Stellung

Von

Houston Stewart (Zljaniberlain

(Schluß)

„„lau sieht, ich bin nicht geneigt, den gewaltigen
&v Unterschied zwischen dem Dichter und Kompo-
nisten Sophokles und dem Dichter und Koniponisten
Wagner zu übersehen. Ich hoffe aber, die voran-
gehende Erörterung wird bei aller Kürze genügt haben,
den horrenden Urtheilsfehler aufzudecken, der darin
liegt, daß man den Dramatiker Wagner, weil er ein
unvergleichliches dramatisches Werkzeug einführt —
das einzige, welches auf unmittelbarem Wege die
flguratione delle cose invisibili im Menscheninnern
erzielt — darum als Musiker und Komponisten im
Gegensatz zum Dichter bezeichnet. Wagner ist Musiker, weil
er Dichter ist, nicht umgekehrt. Biographisch steht es fest, daß
er zuerst dichtete, und zwar gesprochene Dramen dichtete,
und daß er erst durch die künstlerische Noth der von ihm
instinktiv gewählten Stoffe dazu gedrängt wurde, die Be-
herrschung der Tonsprache zu erstreben. Des Weiteren steht
es fest, daß seine ganze gewaltige Musik aus Gestalten hervor-
geflossen ist, die er mit den Angen erblickte, während die
Quelle der Inspiration stockte, sobald er sogenannte „absolute"
Musik schreiben sollte. Dies nun — das mit den Augen
Erblickte — ist der springende Punkt. Denn daß unsere
heutigen Opernkomponisten ihre „Texte" selbst schreiben, macht
sie nicht zu Dichtern; ein anderer Werth ihres Verfahrens
als die erhöhten Tantiemen ist nicht ersehbar; was ans jeder
Stufe der Hierarchie den Dichter zum wahren „Dichter" macht,
ist die Gabe des Sehens; nicht ein Text, sondern ein Bild
liegt allem Dichten zu Grunde; und wo ein wahrer Dichter
Musik gestaltet, entspringt sein Tongebilde ans dem „Augcn-
gebilde", oder vielmehr mit demselben zugleich, als „eine
und eben dieselbe Kunst". Schon bei Mozart und Beethoven
(in geringerem Maße bei Gluck) erblicken wir diese nothwen-
dige ästhetische Thatsache mit Deutlichkeit, doch monumentale
Gestalt gewann sie erst durch Wagner.

Wären wir weniger verblendet durch Vorurthcil und
falsche Theorieen, wir hätten längst erkannt, daß das gestal-
tende Auge bei Wagner genau ebenso gewaltig ist, wie das
gestaltende Ohr. Diese Betrachtung soll uns zu der Frage
hinüberführen: wer ist Wagner? Denn sind wir auch über
das Charakteristische desjenigen Künstlers, der ein Dichter
zu heißen verdient, einig, und wissen wir auch, daß Wagner
ein Dichter ist, so wird damit zunächst doch nur ein großer,
Vieles ninfasseirder Begriffskreis gezogen; wir wollen jetzt
die Eigenart dieses Dichters genauer ins Auge fassen.

Ich sage vielleicht Alles mit einem Worte, wenn ich
dem Leser die Ueberraschung nicht erspare und ohne Um-
schweife eingestehe — dem Homer stehe von allen Dichtern
Wagner aui nächsten. Natürlich beziehe ich das Gesagte
nicht auf die Art der künstlerischen Kundgebung, denn
sind auch Epos und Drama nahe verwandt, so sticht
doch das sic Unterscheidende in die Augen. Die Verwandt-
schaft, die ich meine, ist eine der persönlichen Beanlagung
und Eigenart. Giordano Bruno sagt: „die Sinne dienen
bloß, um das Denken anzuregen". Das „bloß" ist kaum
am Platze, denn hat Bruno Recht mit seiner Behauptung,
so wird sowohl die qualitative Art, wie auch die quanti-
tative Kraft der Sinneseindrücke einen ausschlaggebenden
Einfluß ans die gesammte intellektuelle Persönlichkeit aus-
üben. Ich glaube nun nicht fehl zu gehen, wenn ich sage,
daß der Mittelpunkt von Homer's Persönlichkeit das Auge
ist; er besitzt eine schier unerhörte Fähigkeit, die Natur
und ihre Gestalten zu erblicken. Und zwar ist es eine be-
stimmte, unterschiedene und unterscheidende Fähigkeit.
Ziehen wir ein Genie zum Vergleich heran, dessen Kraft
eine Parallclisirung erlaubt, z. B. Shakespeare, so fällt
der Unterschied sofort auf. Shakespeare erblickt nur den


H. Niste (München)

Charakter, und damit zugleich die körper-
liche Gestalt und die Geberde, insofern sie
die Kundgebung des Charakters vermit-
teln, die umgebende Natur dagegen nur
in dem Maße, als sie ein menschliches
Gemüth afficirt; daher steht jede seiner
Gestalten allein, abgeschieden da, eine be-
sondere Schöpfung Gottes; und so wandelt sie durch
diese fremde Welt; wohl erliegt sie dem Schicksal, doch
ihr letzter Athemzug ist noch Selbstbehauptung, Unter-
scheidung, Jsolirung. Daher steht die moralische Per-
sönlichkeit so plastisch scharf vor uns, daß kaum ein
Lope de Vcga und ein Schiller diesem Dichter hin und
wieder nahe gekommen sind. Daher aber auch — dies
merke nian mahlt — eine gewisse Unsichtbarkeit der
Gestalten. Wir denken Shakespeares Charaktere; ihr
Inneres spiegelt sich in unserm Innern; wir sehen
sic aber mit Augen nicht. Denn was eigentliche Sicht-
barkeit vermittelt, ist nur in zweiter Reihe die Unter-
scheidung, in erster Reihe ist cs die Verbindung, das heißt
der Zusammenhang mit anderen Dingen. Das Auge erblickt
immer ein einziges Ganzes, eine einzige allumfassende Natur;
der Verstand ist es, der darin unterscheidet und sichtet. Das
Charakteristische für Homer ist nun die Kraft des „Zusammen-
blickens". Natürlich unterscheidet er und trennt er, denn einen
anderen Weg als den disknrsiven giebt es für uns Mensche»
nicht um zu gestalten, doch die Einheit des Ganzen verliert
er nie aus dem Auge, kann er nicht aus dem Auge verlieren,
denn sie ist das Element, aus welchem sein Dichten schöpft;
und diese Einheit ist nicht die Einzelhastigkeit eines Helden,
um den sich alle anderen Gestalten gruppiren, sondern ist die
Einheit eines anfanglosen und endlosen Vorganges, die
Einheit zwischen Mensch und Mensch, die Einheit zwischen
Mensch und Natur. Die Helden, die vor Troja und in Troja
kämpfen, verknüpfen sich wie die Fäden eines Gewebes,
wobei jeder trägt und getragen wird, und keinen Schritt
können sie thnn, der nicht von der ganzen umgebenden
Natur bedingt, mit anderen Worten, selbst als ein noth-
wendiges Naturphänomen erschiene. Der Sturm, der die Wellen
anfpeitscht, die Wolken, die auf Berg Jda sich niederlassen,
der Sonnenstrahl, der den Kämpfenden im entscheidenden
Augenblick blendet-alles das gehört zur dichter-

ischen Handlung, und zwar nicht als Zufall, sondern als ihr
»othwendiger, tausendfach bedingter Bestandtheil, eben so frei
wie der einzelne Mensch sich frei dünkt und weiß, und
eben so unfrei wie — vom Standpunkt des erschauten Natur-
ganzen ans — der einzelne Mensch in Wirklichkeit ist.

Hoffentlich genügt diese flüchtige Andeutung einer bis
in die tiefsten Tiefen reichenden Erkenntniß, damit man
begreife, was ein vcrhältnißmüßiges Vorwalten und zu-
gleich ein genial entwickeltes Kraftmaß des Auges beim
Dichter zu bedeuten hat. Man sieht auch, wie Dichter von
Dichter sich unterscheidet. Nie war ein großer Dichter so
wenig symbolisch wie Shakespeare, — der Verstand scheidet,
er verknüpft nicht; nie haben seit Homer Dichtungen einen
so unversiegbaren Brunnen endlos in einander verflochtener
Symbolik aufgethan, wie die Dramen Richard Wagner's.
Wo das Auge vorwaltet, wird nothwendig immer Sym-
bolik der Dichtung entströmen, echte, geschaute, nicht künst-
lich erdichtete Symbolik. Das ist nicht die Folge einer
Theorie oder einer Stoffwahl; Wagner's Kunstlehre und
seine Bevorzugung mythischer und legendarischer Stoffe
sind nicht Ursache sondern Wirkung; die Art seiner Be-
gabung war es, welche ihn unwillkürlich dazu führte, selbst
einen Stoff wie die Meistersinger zu einem tief-symbolischen
zu gestalten. Was zu Grunde liegt, erfassen wir, sobald
wir die Reihe seiner Kunstwerke rein als Bilder vor unserem
Auge vorbeiziehen lassen und uns fragen, wo man seit
Homer ein derartiges „Zusammenschauen" von Mensch
und Natur erlebt hat. Und haben wir das erfaßt, so werden
wir wissen, worin die unvergleichliche Anschantichkeit aller
Handlungen und aller Gestalten Wagner's wurzelt; sie
wurzelt im Auge des schöpferischen Künstlers, sie wurzelt in
seiner homerischen Art, den Menschen als einen lebendigen

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Heinrich Nisle: Zierleiste
Houston Stewart Chamberlain: Richard Wagner's geschichtliche Stellung (Schluß)
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