Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 5.1900, Band 2 (Nr. 27-52)

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1900

JUGEND

Nr. 50

Vierter Unberufener

Oha! Dö Red' ist amal dantisch weit g'fahlt!

Zu was hätt' er sich denn von Wien an

Agitator bezahlt? —

Lhorus

Schmeißt's ihn hinaus! (Geschieht.)

Der Hochwürdigc Herr Dekan
Nach dieser neuerlichen Verminderung meiner
andächtigen Zuhörer

Empfehl' ich Eurem Gebete den unberufenen

Störer.

Doch sei nochmals betont die Freiheit des

Wortes!

Wer Bedenken hat, der sage sofort es!

Ihr müßt ihn wählen, da es wünschen die

Bischöfe,

Und unsere Hirten sind doch wahrhaft keine

Tröpfe.

Wo Dipanli spricht, da ist der bischöfliche Segen —
Und wo die Bischöfe sind, ist der Papst auch zugegen!

Fünfter Unberufener

Das nutzt uns nix bei dö Zeiten, dö theucrn,

Mit an päpstlichen Segen zahlen wir keine Steuern!

Lhorus

Schmeißt's ihn hinaus! (Geschieht.)

Der Hochwürdige Herr Dekan
O laßt uns für diesen abermaligen Lümmel
Einen gemeinsamen Stoßseufzer senden zum Himmel!
Ihr ivißt doch Alle, daß unser Kandidat ist ausge-
zeichnet worden

Vom heiligen Vater mit dem Gregorius-Orden.
Drum — entweder kommst in Kirchenbann oder Du

glabst es! —

Sieh', o Bauer, in ihm denAuserwähltcn des Papstes !

Sechster Unberufener
Es hat ja, wenn mich nit Alles betrügt,

Auch der Bismarck an päpstlichen Orden kriegt!

Lhorus

Schmeißt's ihn hinaus! (Geschieht.)

Der Hochwürdigc Herr Dekan
Nach dieser hoffentlich letzten Reinigung
Laßt uns, Brüder in Christo, kommen zur Einigung!
Nachdem Jedermann die Gelegenheit hatte,

Sich frei anszusprechen, beantrage ich Schluß der

Debatte.

Ich will keinen zu meiner Ansicht verlocken;

Doch wer für meinen Kandidaten ist, bleibe ruhig

hocken.

Ich sehe keinen unter meinen andächtigen Zuhörern

sich erheben.

Ich konstatire die Wahl des Kandidaten — Dipanli
r, soll lebe»!

Lhorus

Hoch soll er leben! Dreimal hoch!

Der Hochwürdige Herr Dekan
Nun wollen wir dem Himmel danken für
die Erleuchtung voll Gnaden,

Der so sichtbarlich geleitet meiner Rede Faden,

Die ich nun schließen lvill in Gottes Namen
Zur höher» Ehre unseres Kandidaten, Amen!

Lhorus

Amen! laurin




Postkarte der ,,Jugend“ an Präsident Rriiger

Unverbürgtes

Als Präsident Artiger in Europa landete,
erhielt er von der Königin von Holland
eine herzliche telegraphische Begrüßung.

„Dieses Telegramm ist wirklich herzerquick-
end," sagte er hocherfreut, „obwohl ich sonst
nicht mehr viel auf Telegramme gebe. Diese
'L ö n i g i n w i l h e l m i n e ist doch ein g a n >
zer Mann!"

Aus dem

TagcßuF eines xolitisDen Kannegießers

VIII.

München, 27. Nov. 1900.

Sehr geehrte Redaktion!

Da bin ich doch wieder. , Verzeihen Sic meine
Keckheit! Aber bevor die Welt untergeht, möchte ich
doch noch einmal mein Herz nusschütten, und wenn
ich das Schreiben hundertmal verschworen habe.
Bevor die Welt untergeht? Jawohl, ich scherze
nicht. Achten. Sie nur einmal genau auf die Zeichen
der Zeit und vergleichen Sic damit, was im Evan-
gelium Matthäi, Cap. 24, geschrieben steht! Es
stimmt alles bis aufs Haar. Nicht etwa, daß die
Sonne schon verfinstert Und der Mond in Blut ver-
wandelt wäre. New, bis dahin hat es noch etwa
vierzehn Tage Zeit. Aber in Berlin geht's grade
so zu wie in Jerusalem. Da mahlen z. B. zwei in
einer Mühle — ich wollte sagen im Reichsamt des
Innern, und der Eine, Graf Posadowsky, ivird an-
genommen, der andere, Direktor Woedtcke, wird'ent-
lassen'oder, was in Preußen dasselbe bedeutet, Re-
gierungspräsident. Da sind zwei auf dem Felde und
machen, nüe Tell, Jagd auf Edelwild, und der eine,
ein gewöhnlicher Schutzmann, wird angenommen
und der andere, ein Polizeidirektor, wird eingesteckt,
lind von wem eingesteckt? Vom Herrn Staatsanwalt
in eigener Person. Wenn erst die preußischen Staats-
anwälte, statt der Socialisten, die Polizeidirektoren

LLtlüttelreime an Krüger

Du sahst ein jubelnd Volk sich jüngst
in Men ge pressen,
Der lauten Kehlen Kraft im Fest-
gepränge messen.
Umsonst! Marianne wird nur Worte,
Worte spenden,
Und sich beweglich bald zu anderen
Sporte wenden.

Denn, wie die Taube scheu sich vor
dem Sperber duckt,
Duckt sich der Kontinent, wenn John
Bull derber spuckt.

Hassan

■'Z-'iasslorf

Bei Lewy sich die Wächter sc haaren:

„Ob’s wohl die jüd’schen Schächter waren?“

Dem Bülow werd’ ich’s brav noch geben,
Vor mir soll dieser Graf noch beben!

hinter Schloß und Riegel setzen, dann muh
das jüngste Gericht vor der Thüre stehn. Das
jüngste Gericht? Meinen Sie damit etwa den
Prozeß Sternberg? Nein, aber ich glaube,
hätte Cornelius dieses Berliner Sodom und
Gomorrha gekannt, sein Altarbild in der Lud-
wigskirche in München wäre um einige inte-
ressante Charakterköpfe bereichert worden. Man
denke sich nur Sternberg, wie er sich beim
Erzengel Gabriel beschwert, daß man ihn,
den zartfühlenden Freund kindlicher Unschuld,
in der Hölle fortwährend zwicke, obwohl er
den Herren Teufeln bereits mehrere Hypo-
theken und Gartenmöbel zur Verfügung ge-
stellt habe. Doch was will das alles besagen
gegen die letzte Rede des preußischen Kriegs-
ministers und die unsere gesammte Geschichts-
wissenschaft umwälzende Entdeckung des Ge-
setzes der 1500 jährigen Causalität? Herr
von Goßler hat sich mit dieser wissenschaft-
lichen Thal binnen wenigen Minuten mehr
Ruhm erworben, als Galilei und Kant durch
die Arbeit eines ganzen Lebens. Ich hoffe, sein Col-
lege, der Kultusminister, wird dafür sorgen, daß dem
Verdienst seine Krone, dem Kriegsminister sein Pro-
sessorenstnhl werde Dann werden wir noch die wun-
derbarsten Dinge erfahren. Ich maße mir nicht an,
mit meinem schwachen Verstände heute schon die Trag-
weite der Goßlerschen Entdeckung ganz zu ermessen,
aber ich ahne schauernd das Kommende: der Krieg
von Anno 1870 die Revanche für die Schmach, die
Karl der Kahle 880 dem deutschen Reich anthat, als er
vor Paris den Normannen den Tribut bezahlte, der
Krieg von Anno 00 die gerechte Vergeltung für die
Eroberung Preußens durch die Ritter vom deutschen
Orden, die letzte Kaiserreise zum Nordkap ein Protest
gegen den Eroberungszug Gustav Adolfs nach
Deulschland und die letzte Rede des Kriegsministers
eine Antwort auf Demosthenes' Philippika. . . . .
O Land der Dichter und Denker! Gott erhalte Dir
Deine Kriegsminister!

Hochachtungsvollst

Edgar Steiger.

Aus unserem Leserkreise

Bemerkungen

zu der „Deutschen Solonplauderei in !Nr. 47.

„Pur sang“, das schreibt man ohne e,

Auch ist stets weiblich Latines.

„Baronesse" ist kein sranzösisches Wort,

Und bei „charme" bleibt das e nur im Englischen fort.
Georges Dandin (mit s) nennt sich selber: „vous“,
Sealskin ist falsch getrennt noch dazu,

Und wenn die Dame französisch kann,

So hängt dem „seal" noch ein e sie an. —

Wenn jemand etwas verspottet — mit Recht —

Und Fehler dabei macht, so stimmt das schlecht.
Doch regt sich trotzdem ein gewaltiger Zweifel:
War's Jrrthum nur oder auch — Druck fehl cr-

teufel?P

- Slarzo

*) Wir erlauben uns, einstweilen alles dem letzteren in
die Schuhe zu schieben, und freuen uns, noch nachträglich
einen so vorzüglichen Korrektor gefunden zu haben.

Anm. der Redaktion.

(Mein verehrtester L. V.

©Öer auch „geehrte Zrau!“

Ihre Predigt gegen Männer
Zeigt den unerfahr'nen Kenner,

Denn das Rauchen, Bummeln,

Diese Jagd nach Straßenhummeln,

Geld verthun und Egoismus,

Sind, bei allem Pessimisnms,

Lange nicht die ärgsten Sünden,

Die wir bei den Herren finden.

Ungleich mehr könnt' i cf) verrathcn,

Bon der Männer düster'» Thaten:

Bon den Narren, Gecken, Ekeln,

Die sich spreizen, brüsten, räkeln,

Die gespickt mit Unmanieren
„Unter sich" gar sehr verlieren.

Doch nicht Raum ist in der „Jugend"
Für das Bild der Männertugend, —

Um recht gründlich zu beschreiben, . -
Was die Herr'n der Schöpfung treiben,
Aus dem Grund nur ward's vermieden. -
Bitte, sind Sie jetzt zufrieden? P. v. S.

Scholl

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Arpad Schmidhammer: Postkarte der "Jugend" an Präsident Krüger
Edgar Steiger: Aus dem Tagebuch eines politischen Kannegießers
[nicht signierter Beitrag]: Aus unserem Leserkreise
Fritz Scholl: Die chinesischen Wirren in Schüttelreimen
Hassan: Schüttelreime an Krüger
P. v. S.: Mein verehrtester L. V. Oder auch "gehrte Frau!"
[nicht signierter Beitrag]: Unverbürgtes
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