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Nr. 4

*

1907

Daheim

Alle wir, schon ch' sic uns begraben,
Wollen irgend eine Heimstatt haben,

Wo nichts Fremdes kältet oder schwillt,

Wo man wirklich sich zuhause fühlt:

Weib und Kind im wohlvcrschloßnen Häuschen,
Oder nur ein loses Miezemäuschen —

Eine Mutter, die uns ausgeharrt
Als Asyl bis in die Gegenwart —

Einen Stammtisch, guter Freundschaft froh,
Oder das geheiligte Bureau —

Ein Katheder vor der frischen Jugend,

Eine Kanzel, wo man tvirkt für Tugend,

Eine Bühne, drauf man Künstler war
Erst im braunen, dann im grauen Haar,

Eine Loge, drin man oft gesessen

Und im bunten Wahn sich selbst vergessen,

Uniform, in die man oft geschlüpft,
Walzerklang, nach dem man oft gehüpft,

Eine Ecke im vertrauten Keller,

Wo man immer trank den Muskateller,

Lieblingswinkel in dem Hofbräuhaus —■
Ach, wer schöpft die Möglichkeiten aus?

Aber mancher, aus der Art geschlagen,

Hat bei alledem kein Heimbehagen:

Mancher kann nur dann zuhause sein,

Wenn er mit sich selber ganz allein,

Wenn er seiner Seele Vollklang hört
Weltverschont und menschennngestört.

Hanns von Gumppenbcrg

trauriger Sommer

Juni-Mittagsstunde. — Die Terrasse
Starrt verschlafen in den grellen Raum.

Weiße Glut — als ob die Lust im Traum
Zitternd uuterm Sonnenkuß erblasse.

Müde, müde rausche» fern die Wogen, —
Hoch ein Wölkchen, weiß verschäumter Tau, —
Vor des Himmels sammetweichem Blau
Schwebt ei» letzter Mandelblütenbogen.

Müde fühl ich seinen Atem grüßen:

Weher Gruß von frischem Frühlingsglück,
Müde lehn ich in den Stuhl zurück, —

Du, — an meinen Knien, — zu meinen Füßen.

Blick sucht Blick. — I» zärtlich weichem Spiele
Rühren deine Lippen meine Hand. —

Ach ich wünschte, daß vom Sonnenbrand
Heißer Strahl inS matte Herz mir fiele!-

Crna F)eineinatin

Der (panfomtmtfter

von jRarl Errlingcr

In den achtziger Jahren machte in Paris
eine eigenartige Pantomime Furore. Ter Inhalt
dieser Pantomime war recht trivial, allein diese,
seltsame Kunstform bedarf gerade trivialer, grob-
zügiger Sujets. Gewiß kann das stumme Spiel
einer Schauspielerin überzeugend wirken, aber
dieses stumme Spiel ist doch nur die Steiger-
ung des gesprochenen Wortes — das Wort ver-
setzt uns erst in die konzentrierte Stimmung, die
uns zum Miterlcbcn des slummen Spiels befähigt.
Die Mimik kann einzelne Momente höchster seelischer
Erregung wiederspiegeln, doch sie kennt keine Ueber-
gänge, Verbindungen, die diese Momente an-
einanderreihen, sie zu einer Handlung gestalten.
Und deshalb muß eine gute Pantomime trivial
sei», mit rohen Vorgängen arbeiten, ans denen
der Seelcnzustand der Handelnden so leicht zu
folgern ist, daß es keines gesprochenen Wortes
bedarf.

Die Pantomime, von der ich erzählen will,
trug diesen Bedürfnissen im vollsten Maße
Rechnung: Pierrot, der unvermeidliche, befindet
sich in Geldnöten. Geldnöte sind pantomimisch
leicht darzustellen: man reibt sich die Magen-
gegend, zieht seine leeren Taschen heraus, und
macht mit bedauerndem Achselzucken die Geste des
Münzenzählens. Pierrot ist verzweifelt: er ringt
die Hände, rauft das Haar- — Was tun? Halt,
ein Gedanke: er verkauft sein Gewand. Ein des
Wegs daherkommender Kleiderhändler feilscht mit
Pierrot und zieht dabei des öfteren seinen wohl-
gespickten Beutel. Picrrot tut das Trivialste,
was man in einer solchen Position tun kann:
er bringt den Händler um. Und fortan ver-
folgt ihn auf Schritt und Tritt da? Gespenst
des Ermordeten. Er will seine Colombine nm-
armen, und hält — dank einer Versenkung —
den Kleiderhändler umschlungen. Er gibt, sich zu
betäuben, frohe Feste und entdeckt unter seinen
Gästen den Kleiderhändler. (Bei Shakespeare
heißt er Banqno.) Er ficht ein Duell aus, und
ficht plötzlich — die Versenkung ist immer noch
da — mit dem Gespenst des Ermordeten, der
ihm mit gebieterisch erhobenem Arme befiehlt, in
seinen Degen zu rennen. Pierrot sträubt sich
entsetzt, aber die glühenden Augen des Kleider-
händlerS — im Jenseits gibt es also auch Glüh-
lampen — üben eine hypnotische Macht auf ihn.
Pierrot bringt sich um. Letztes Bild: Hölle, mit
Ballet.

Ich wohnte der zweihundertsten Aufführung
dieser Pantomime bei. Sie bildete den Schluß
einer VarM-Vorstcllung, und ich sah Damen mit
entgeisterten, entsetzensstarren Mienen das Theater
verlassen. Ich sah einen Herrn, der sich beständig
umschante, ob nicht Jemand hinter ihm herschliche,
und ich bin überzeugt, in jener Rächt hat mancher
Theaterbesucher einen geladenen Revolver auf sein
Nachtschränkchen gelegt und das elektrische Licht
länger brennen lassen, als cs feine Gewohnheit
ist. Auch auf mich hatte das virtuose Spiel des
Pierrotdarstellers einen tiefen Eindruck gemacht:
ich habe niemals wahnwitzigste Angst, hilflosestes
Entsetzen eindringlicher wiedergeben sehen. Nervöse
Zuschauer spielten die ganze Pantomime mit, ver-
zogen ihre Gesichter nach dem Vorbild des Schau-
spielers, streckten gleich ihm die Arme abwehrend
gegen das Gespenst.

Nach der dreihundertsten Wiederholung der
Pantomime erschoß sich der Pierrotdarsteller in
seiner Garderobe. Er hinterließ einen Stoß un-
bezahlter Rechnungen, zu deren Erledigung seine
Register
Hanns Theodor Karl Wilhelm Frh. v. Gumppenberg: Daheim
Erna Heinemann-Grautoff: Trauriger Sommer
Prugger: Zierleiste
Karl Ettlinger: Der Pantomimiker
 
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